Es gab einen kurzen Zeitraum, in der die Stadt Küstrin und deren Wirtschaft noch von dem Krieg profitierten, der ihr 1945 den Untergang bringen sollte. Diese Zeit begann im Jahre 1935 mit der Wiederaufrüstung im Deutschen Reich, in Küstrin speziell mit dem Neu- und Ausbau diverser Kasernen und dem Aufbau der Zellwolle- und Zellulosefabrik. Die in den folgenden Jahren neu in der Stadt stationierten militärischen Einheiten führten mit zu dem wirtschaftlichen Aufschwung in der Stadt, den sich die seit dem Ende des ersten Weltkriegs leidende Küstriner Wirtschaft so sehr erhofft hatte. Einen Bauboom hatte es in Küstrin aber bereits seit Anfang der 1930er Jahre gegeben.
Von der Zivil- zur Kriegswirtschaft ab 1939/40
Während des 2. Weltkriegs wurden Rohstoffe rationiert und nur noch an Betriebe geliefert, die als kriegswichtig eingestuft wurden. Wer als Betriebsinhaber oder -leiter nicht nachweisen konnte, daß der eigene Betrieb kriegswichtig war, lief also in Gefahr, dass seine Firma von Amts wegen stillgelegt wurde. Die Arbeitskräfte und Maschinen dieser stillgelegten Firmen – im Verlauf des Krieges auch deren Räumlichkeiten – sollten wichtigeren Betrieben zugeteilt werden. Technische Ausstattung wurde auch mal enteignet, wenn der Eigentümer nicht mitspielte. Im Rahmen einer solchen Stilllegungsaktion wurde z. B. die Mathes-Fabriken AG in Küstrin am 11.3.1940 als „wahrscheinlich überflüssig“ eingestuft. Es gab - wie überall - neben denjenigen, die notgedrungen ihre Produktion umstellten, aber auch die, die freiwillig - entweder aus finanziellen oder auch idiologischen Gründen - vom Krieg profitieren wollten. Die Gründe, die den Entscheidungen der Küstriner Unternehmer zugrunde lagen, lassen sich heute nicht mehr nachvollziehen.
Im Rahmen der Umstellung der deutschen Wirtschaft auf Kriegswirtschaft in den Jahren 1939/40 fanden auch in Küstrin sogenannte „Auskämmaktionen“ statt, dabei wurde in den Betrieben der Stadt durch das Rüstungskommando Frankfurt (Oder) nach „überflüssigen“ Mitarbeitern (damals „Gefolgschaftsmitglieder“ genannt) gesucht, welche dann kriegswichtigen Betrieben oder der Wehrmacht zugeführt werden sollten. Gerade das Thema Fachkräfte wurde nach jeder Einberufungswelle für die Unternehmen akuter.
Am 20.11.1939 wurde im Bezirk des Rüstungskommandos Frankfurt (Oder) mit den Auskämmaktionen begonnen. Bei der ersten bekannten Auskämmaktion in Küstrin am 8.12.1939 waren die Firmen Karl Sauer, Autohaus Pritzel, Ewald, Oderhütte Franck & Co., Autohaus Richard Filbert sowie die Maschinenfabrik Hermann Schmidt Ziel der Überprüfungen. Zusammen mit der Firma A. Motz (Kutzdorfer Eisenhammer) sowie der Zellstofffabrik Waldhof (Niederwutzen) fand man in den genannten Firmen dabei insgesamt 37 Mitarbeiter, die man abziehen könnte. Am 3.7.1940 waren die Erste Küstriner Möbelfabrik und die Rütgerswerke AG an der Reihe, am 14.11.1940 die Mathes-Fabriken AG und die Firma Adolf Kube. Zusammen mit weiteren Firmen aus Neudamm ermittelte man am 14.11. insgesamt 7 Arbeitskräfte, die anderweitig beschäftigt werden sollten.
Welches Unternehmen welche kriegswichtigen Produkte produzierte, diese Angaben sind meist nur durch (niedergeschriebene) Erinnerungen von Zeitzeugen überliefert, zum Teil aber auch in den Kriegstagebüchern des "Rüstungskommandos Frankfurt (Oder)". Das Rüstungskommando prüfte am 21.8.1942, ob in Küstrin und Landsberg/Warthe noch Kapazitäten für Zulieferungen zum Programm „Maultier“ verfügbar wären. Die Antwort lautete nein, die Firmen waren voll beschäftigt und Fachkräfte fehlten.
Zwangsarbeiterlager in Küstrin
- Zwangsarbeiterlager für Juden in Küstrin(-Neustadt) (Standort unbekannt; Ende 1940 bis Ende Dezember 1941 Arbeiten an der Reichsautobahn; Januar 1941 bis Ende 1943 waren die Arbeitgeber: die Zellwolle- und Zellulose AG, die AEG und die Firma Express)
- Lager der Zellwolle und Zellulose AG auf deren Firmengelände, Arbeitslager "Fasterweide" (Aussenkommando des KZ Sachsenhausen in Küstrin; 17.5.1943 - 1944; Aufbau des Werkes und Arbeit in der Produktion)
- In der Kutzdorfer Straße (Küstrin-Neustadt) gab es ein "Zivilarbeiterlager" (keine weiteren Daten bekannt)
- Kriegsgefangenenlager STALAG IIIC in Alt-Drewitz; auch die Internierten des Lagers mussten in und um Küstrin Zwangsarbeit leisten
Küstriner Unternehmen
- Zellwolle- und Zellulose AG; dort wurde der Sprengstoff Nitrozellulose (auch Zellulosenitrat) - umgangsprachlich bekannt als Schießbaumwolle - produziert. Das Unternehmen profitierte bei seinem Aufbau und bei der Produktion von Zwangsarbeitern
- Arthur Bast vorm. Adolf Kube Landmaschinen; hier wurden während des Krieges vorrangig landwirtschaftliche Fahrzeuge auf Holzgasbetrieb umgestellt, da Benzin und Diesel rationiert waren
- Die Erste Küstriner Möbelfabrik Franz Schumann produzierte u. a. Holzkisten für Gasmasken
- Die Mathes Fabriken produzierten laut Zeitzeugen Munitionskisten
- Die Oder-Hütte Franck & Co. produzierte diverse Arten von Granaten und war wohl einer der größten Waffenproduzenten in Küstrin, auch dort wurden Zwangsarbeiter beschäftigt
- Die Norddeutsche Kartoffelmehlfabrik beschäftigte russische und französische Zwangsarbeiter
- Die Maschinenfabriken H. Eisenach und Hermann Schmidt waren mit Zulieferungen zum Adolf-Hitler-Panzerprogramm beauftragt
- Das Tiefbauunternehmen Arnold Haase beschäftigte russische Zwangsarbeiter
- (Ein Teil der) Räume des Kaufhauses Fritz Radefeldt wurden durch den "Luftgau San. Park III Berlin" als Lagerfläche benutzt
- Die Firma Karl Sauer war an Rüstungsaufträgern unbekannter Art beteiligt, im Juli 1940 betrug der Anteil der zivilen Fertigung nur noch rund 20%
Aber nicht nur große Industriebetriebe, sondern auch Handwerksbetriebe und landwirtschaftliche Betriebe konnten Zwangsarbeiter anfordern.
Nach Küstrin verlegte Produktionsstätten
Neben den einheimischen Unternehmen wurden während des Krieges auch auswärtige Firmen - meist aus Berlin - nach Küstrin verlegt, da die ursprünglichen Standorte durch die Luftangriffe auf die Hauptstadt gefährdet, beschädigt oder bereits zerstört waren. Man schätzte wohl die Situation in damaligen deutschen Osten noch als sicherer ein, als an der näher rückenden Westfront. Am 21.11.1940 wird Küstrin neben Meseritz, Züllichau, Frankfurt (Oder), Fürstenberg (Oder), Reppen, Königsberg Nm. und Crossen in den Kriegstagebüchern des Rüstungskommandos Ffo. erstmals als Ziel für die mögliche Verlagerung von Berliner Unternehmen genannt.
Die verlagerten Firmen waren Teil der Rüstungsindustrie oder produzierten kriegswichtige Güter. Sie operierten in Küstrin oft nicht unter ihrem wahren Namen, sondern unter Tarnnamen. Zu diesen Firmen gehörten neben den weiter unten genannten 4 Unternehmen unter anderem auch die AEG, und die "Firma Express". Diese zwei Unternehmen sind als Arbeitstätten für Zwangsarbeiter bekannt, die im Lager Küstrin-Neustadt untergebracht waren. Ob diese Firmen aber auch in Küstrin ansässig waren, oder in der Umgebung der Stadt, bedarf noch der Klärung.
Apparatebau Neumann & Borm
Die 1933 in Berlin gegründete Firma "Deutsche Apparatebau Gesellschaft Karl Carpzow & Co." wurde Anfang 1934 in "Apparatebau Neumann & Borm" umbenannt und in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Sitz war die Bülowstraße 56, Berin W 35. Im Jahre 1941 wird Am Karlsbad 15, Berlin-Schöneberg als Sitz genannt.
Am 13.4.1944 wurde im Kriegstagebuch des Rüstungskommandos Frankfurt (Oder) vermerkt, dass die Firma Neumann & Borm aus Berlin einen Teil ihrer Fertigung (Elektrik für MK 104, MK 108, Schnellaktion „Bombenmassenabwurf“, Zündzuleitungen und Einheitszünderschaltkästen) in die Räume der Mathes-Fabriken AG nach Küstrin verlegen würde. Bereits im August 1943 hatte die Firma Neumann & Borm Teile ihrer Fertigung nach Forst verlegt. Im Juli 1944 sollte die Firma 35 Arbeitskräfte (KZ-Häftlinge) aus Küstrin an die Neudammer Firma Jericke abgeben, die dort dringend benötigt wurden.
Die Firma verfügte damit über Werke in Berlin (Werk I: Feurigerstraße 54, Berlin-Schöneberg und Werk II: Hoffmanndamm 11 - 13, Berlin SO 36), Forst (Rüdigerstraße 13) und in den Räumen der Mathes Fabriken AG in der Landsberger Straße 48 in Küstrin. Produziert wurden unter anderem Heeres- und Marinegerät, wie zum Beispiel Schalt- und Kontrollschaltkästen für Kampfflugzeuge und Abfeuer-Relais-Kästen SK 875. Auch in den zuletzt erschienenen Adress- und Telefonbüchern der Stadt Küstrin ist dieses Werk nicht verzeichnet.
Hoffmann & Co.
Der Standort dieser nach Küstrin verlegten Firma ist aktuell nicht bekannt, ansonsten findet man auch nur wenige Informationen. Das Rüstungskommando Frankfurt (Oder) vermerkt in seinem Kriegstagebuch am 31.7.1944: „Bei der Fa. Hoffmann & Co., Küstrin, kann von einem Anlauf der Fertigung noch keine Rede sein. Es laufen erst 10 Werkzeugmaschinen. Es wird zu viel Wert auf Äußerlichkeiten, Anstriche usw. gelegt. Der Firma wurde größte Beschleunigung der Aufnahme der Fabrikation zur Pflicht gemacht.“ In einem Lagebericht vom 31.8.1944 heißt es weiter: „Bauarbeiten für Fertigungsräume ziemlich beendet. Eine Baracke für Unterkunft deutscher Gfm. [Gefolgschaftsmitglieder] fertiggestellt. Mit dem Bau der Ausländerbaracken wurde begonnen. Anlauf der DVL [Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt], Jordan, verzögert wegen Fehlen von erforderlichen Kontingenten mangels einer entsprechenden Einstufung.“
Da es sich meist um Firmen aus Berlin handelte, die nach Küstrin verlegt wurden, kann man vermuten, dass es auch in diesem Fall so war. In Berlin fällt ein Ingenieurbüro namens „Hoffmann & Co.“ in der Wrangelstraße 47 auf, von dem auch bekannt ist, dass es Zwangsarbeiter beschäftigte. Es ist aber nicht mehr als eine vage Vermutung, dass es sich dabei um diese Firma handelt. Es sind bisher keinerlei Belege dafür vorhanden.
Neumark(werk) AG
Über die Neumark AG (auch: Neumarkwerk AG) ist momentan nur wenig bekannt. Am 1.5.1944 wird im Kriegstagebuch vermerkt: „Zwecks Verlagerung der Fa. Neumark A.G., nach Küstrin wurde eines der Aussenforts in Anspruch genommen. Für die Unterbringung der etwa 500 Gfm. werden Baracken gestellt. Die Arbeiten sollen so beschleunigt werden, daß Mitte Juni mit dem Anlauf der Fertigung zu rechnen ist.“ Um welches der Außenforts es sich handelt – Gorgast, Zorndorf, Säpzig oder Tschernow – wird nicht genannt.
Kriegstagebuch, Eintrag vom 27.6.1944: „Im verlagerten Neumarkwerk A.G., Küstrin, wird zu der bereits laufenden Sendeschienengruppe die gesamte Abteilung mit dem heutigen Tage von Berlin überführt. Es arbeiten jetzt 5 Monteure mit entsprechenden Hilfskräften für die elektrische Installation. Ungeklärt ist noch die Beschaffung des 400 KVA Transformators. 15 der vorgesehenen Otto-Hütten sind bereits aufgestellt und belegt. Bauteile für 15 weitere sind vorhanden. Durch Bescheid des Kreisleiters und Bürgermeisters von Küstrin ist auf Antrag des Rü Kdos Ffo. das Neumarkwerk für alle Fragen der zivilen Verwaltung in Küstrin zuständig.“ Beim Neumarkwerk handelt es sich also um eine weitere Berliner Firma.
Kriegstagebuch, Eintrag vom 23.8.1944: „Im Neumarkwerk, Küstrin, sind die ersten 4 Massivbaracken fertiggestellt, sodaß mit der Unterbringung von 170 Leuten gerechnet werden kann, die am 28.8. eintreffen.“
Auch das "Neumarkwerk" beschäftigte Zwangsarbeiter, wo diese untergebracht waren, ist momentan noch nicht bekannt. Während in den Tagebucheinträgen des Rüstungskommandos Frankfurt (Oder) - zumindest bei den Küstriner Unternehmen - immer die Klarnamen der Firmen standen, bin ich mir hier unsicher, ob es sich nicht doch um einen Tarnnamen handelt. Denn auch in den Ausgaben des Handbuchs der deutschen Aktiengesellschaften und im Berliner Adressbuch von 1943 ist nichts über diese Aktiengesellschaft zu finden.
Udo-Werke GmbH
Aufgrund der anhaltenden Bombenangriffe auf Berlin wurden laut Kriegstagebucheintrag des Rüstungskommandos Frankfurt (Oder) vom 31.1.1944 der Blaupunkt-Werke GmbH (einer Bosch-Tochter) aus der Forckenbeckstraße 9/13 in Berlin-Wilmersdorf für die Fertigung von „Korfu“-Funkmessgeräten die Räume des ehemaligen Möbelhauses Karl Wachowski in der Schützenstraße 18 in Küstrin-Neustadt (siehe Foto) zugewiesen. Der Empfänger „Korfu“ von Blaupunkt diente zur Anzeige von britischen H2S-Radarsignalen, welche mittels der von der Deutschen Wehrmacht eingesetzten landgestützten, passiven Funkpeilanlage FuPeil A 100a „Kornax“ eingefangen wurden. Die Anlage hatte eine Reichweite bis Großbritannien.
Das Möbelhaus Karl Wachowski wurde 1904 in das Handelsregister eingetragen und hatte neben der Schützenstraße 18 noch ein Geschäft in der Landsberger Straße 103. Das Geschäft in der Schützenstraße lag zwischen dem Hotel „Küstriner Hof“ und der Reichsbank-Filiale. Am 01.2.1944 wurde bereits vermeldet: „Die notwendigen Bauarbeiten zum Bezug des Möbelhauses Wachowski, Küstrin, durch die Firma Blaupunkt, Berlin, schreiten gut vorwärts, sodaß die Verlagerung demnächst vor sich gehen kann.“
Die Firma wurde nach Udo Werr, einem Vertrauten des damaligen Geschäftsführers der Firma Blaupunkt, Paul Goerz, benannt und erhielt den Tarnnamen „Udo-Werke GmbH“. Schwerpunkt war wohl neben der Produktion auch die Forschung und die Produktion von kleinen Nullserien. Udo Werr leitete die Betriebsverlagerung und erhielt schon am 13. Januar 1945 – zu einer Zeit als in Küstrin eigentlich noch Durchhalteparolen galten, die Rote Armee aber schon vor den Toren der Stadt stand – von Albert Speer (Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion) den Befehl, den Betrieb nun in den Westen Deutschlands zu verlagern. Ziel war die Angliederung an die im Hildesheimer Wald angesiedelten Trillke-Werke GmbH, einer Bosch-Tochter, welche Ende der 1930er Jahre im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht gegründet worden war.
Quellen:
- https://de.wikipedia.org/wiki/Blaupunkt
- http://lucafusari.altervista.org/page1/page30/E351Korfu.html
- https://www.hildesheimer-geschichte.de/topografie/stadt-ortsteile/drispenstedt/hildesheimer-wald/ (scheinbar nicht mehr online)
- Bosch in Hildesheim 1937 – 1945 – Freies Unternehmertum und nationalsozialistische Rüstungspolitik, Manfred Overesch, 2008
- Rüstungskommando Frankfurt Oder, Denkschrift; Bundesarchiv, Signatur RW 21-20/1
- Rüstungskommando Frankfurt Oder, Kriegstagebuch mit Anlagen, Band 1 und 2; Bundesarchiv, Signaturen RW 21-20/2 und RW 21-20/3
- Rüstungskommando Frankfurt Oder, Kriegstagebuch, Band 1 bis 7; Bundesarchiv, Signaturen RW 21-20/4 bis RW 21-20/10