Landsberger Straße 40/43
Küstrin-Neustadt

Die Firma wurde am 15.9.1937 gegründet und war der Nachfolger der "Küstriner Maschinenfabrik und Eisengießerei G.m.b.H." Dieser Vorgängerbetrieb war 1932 aus der insolventen A. Wagener Maschinenfabrik hevorgegangen und musste selbst - ebenfalls im September 1937 -  Konkurs anmelden.

Persönlich haftende Gesellschafter der Oder-Hütte Franck & Co. KG waren der Fabrikbesitzer Oskar Wiederholz in Brandenburg/Havel und der Ingenieur Gerhard Franck in Gevelsberg/Westfalen. 

Wer war dieser Gehard Franck? Warum übernahm ein Diplom-Ingnieur aus dem Rheinland eine Eisengießerei in Küstrin? Die Antwort lautet: Dieser Herr Franck stammt ursprünglich aus Strausberg, dort wurde er im Jahre 1905 geboren. Später führte ihn sein Leben nach Werder (Havel), nach Gevelsberg und schließlich wieder in die Nähe seiner Heimatstadt Strausberg, nach Küstrin. Im Jahre 1930 trat er in die NSDAP ein. Klaus Thiel, ein geborener Küstriner, berichtet aus seiner Erinnerung: "Er galt als strammer Nazi, er war ja auch stellvertretender NSDAP-Vorsitzender, also die rechte Hand vom  Körner. Aber allem Anschein nach war er doch auch Mensch geblieben: Eine der Schwestern der Bieber-Familie aus unserem Hause, Luzie, Jahrgang 1925, ist dort wohl mit sechzehn als Sekretärin eingestellt worden und wurde bald seine Chefsekretärin. Dies war sie bis zum Ende, sie schilderte ihn als bemerkenswert angenehm im Umgang.

In der Oderhütte arbeiteten vor allem die Gefangenen aus dem Stalag III C, und zwar viele Franzosen und noch mehr Russen. Die Franzosen machten die Feinarbeit, sie hatten einen bevorzugten Arbeitsplatz nahe dem Direktionsgebäude, und sie leisteten vor allem Präzisionsarbeiten. Sie wurden jeden Tag mit Lkws abgeholt und zurückgefahren, während die Russen die ganze Strecke laufen mussten, bei jedem Wetter, und in Holzpantoffeln.

Zwei Episoden sind mir in Erinnerung: Franck war aufgefallen, dass die Franzosen nicht weit weg von seinem Büro immer so traurige Lieder sangen - an einem Mai-Tag schickte er die Luzie los, um mehrere Instrumente zu kaufen, die er den Gefangenen zur Verfügung stellte. Die brachten den Büroangestellten dann täglich in ihrer Mittagspause ein Ständchen vor dem Verwaltungstrakt an der Straße.

Er bemerkte dann, dass die Russen immer häufiger vor Erschöpfung bei der Arbeit einschliefen, auch, weil sie immer Hunger hatten. Als er davon erfuhr, ordnete er auf eigene Faust an, dass sie alle täglich eine warme und reichhaltige Mahlzeit serviert bekamen. Das war gegen die Anweisungen, aber er setzte das durch.

Dort arbeiteten auch viele Frauen, darunter polnische "Fremdarbeiterinnen". Alle Frauen mussten damals ja arbeiten, meine Mutter war zunächst als Offiziersfrau halbwegs verschont, denn sie durfte bei der Gärtnerei links hinten auf der Oderinsel arbeiten und konnte uns abends sogar frisches Gemüse mitbringen. Nach dem Hitler-Attentat gab es keine solchen Vergünstigungen mehr, sie musste in die Oderhütte - und neben den polnischen Mädchen Pulver in kleine Granaten füllen. Mehrmals sagte sie abends, dass sie es nie verstanden hat, dass die Polinnen dabei ihre Lieder sangen...

Das Pulver riecht doch stark - das blieb auch nach dem Haarewaschen so - unser Opa sagte manchmal, dass er sich nicht getraute, abends seine Pfeife anzuzünden."

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Die Oderhütte als Rüstungsbetrieb im 2.Weltkrieg

Die Firma scheint schon früh von der Aufrüstung im Dritten Reich profitiert zu haben und war – wenn man die Häufigkeit der Erwähnungen in den Kriegstagebüchern des Rüstungskommandos Frankfurt (Oder) zugrunde legt - einer für den Rüstungssektor wichtigeren Betriebe in der Stadt. Man findet dort auch detaillierte Angaben zur Art der produzierten Waffen und über Fertigungsprobleme. Im Jahre 1940 waren nur noch rund 25% der Produktion der Oderhütte ziviler Natur (Reparaturen und Produktion von Ersatzteilen), 75% war militärisch. Stand 2. April 1941 arbeiteten in der Oderhütte 297 Menschen.

Am 24.1.1940 meldete die Firma an das Rüstungskommando, ihr sei von der Industrie- und Handelskammer eine Einschränkung des Energieverbrauchs um 20% auferlegt worden. Nach einer Intervention des Rüstungskommandos bei den beteiligten Stellen hieß es, Zitat: „… dass die von der Firma gemeldete Massnahme voreilig angeordnet worden ist. … “ Die Auflage wurde umgehend zurückgezogen.

Die Oderhütte produzierte wohl überwiegend Granaten verschiedenen Typs – im März 1940 waren das Granaten des Typs „F.H.GR.STg“ (Feldhaubitzen-Granaten ?). Am 21.3.1940 meldete man Probleme bei der Beschaffung von „Mundlochbuchsen“, trotzdem plante das Rüstungskommando einige Tage später (27.03.), die Produktion der Firma von 4.000 auf 6.000 Stück pro Monat zu steigern. Die dafür noch erforderlichen drei Drehbänke wollte das Kommando besorgen. Im April war die Firma aber nicht einmal in der Lage, das bisherige Monatssoll von 4000 Exemplaren zu erreichen, da noch immer die benötigten Buchsen fehlten.

Am 12.8.1940 fand eine Prüfung im Betrieb statt, da die Oderhütte einen „Wehrmachtverpflichtungsschein“ im Wert von 160.000 RM erhalten hatte, und der Firma vorgeworfen wurde, ihren Lieferpflichten nicht nachgekommen zu sein. Wie sich aber herausstellte, hatte die Firma bereits 17.200 Stück der Feldhaubitzen-Granaten (?) gefertigt – konnte aber noch keine Rechnung schreiben, da noch immer die Mundlochbuchsen fehlten. Im September des Jahres hatte die Oderhütte neben den genannten Granaten noch weitere Aufträge mit „Dringlichkeitsstatus I“ und „Sonderstatus“ erhalten. Zu diesem Zeitpunkt setzte man 20 Zwangsarbeiter (Kriegsgefangene) ein.

Ab 1.4.1941 sollte die Oderhütte monatlich 6.000 8,8 cm-Sprenggranaten für die Marine fertigen. Die Einweisung die die Fertigung sollte durch die Firma Zinke in Landsberg (Warthe) erfolgen. Im Januar 1942 steuerte man schon wieder um, bei einem Gespräch in der Dienststelle des Kommandos erörterte man mit den beteiligten Firmen die Umsteuerung von den 8,8 cm-Granaten für die Marine auf die bisher produzierten Feldhaubitzen-Granaten für das Heer. Das Ergebnis war, dass die Oderhütte nun doch weiter die Feldhaubitzen-Granaten des Typs F.H.Gr. Stg. bzw. F.H.Gr. Pr. produzieren sollte, nun allerdings 6.000 bis 10.000 Stück pro Monat. Die Fertigung der 8,8 cm-Granaten wurde an eine andere Firma delegiert. Einen Teil der Produktionssteigerung konnte die Oderhütte durch Verstärkungen der Nachtschichten erreichen.

Im August des Jahres hatte die Firma aber noch immer mit Materialmangel zu kämpfen, diesmal fehlten Preßstahl- und Stahlgußrohlinge. Am 20.8.1942 vermerkte man auch: „Fertigung DOV T noch in der Vorbereitung“. Ende August 1942, am 28.8., wurde der Oderhütte und weiteren Firmen durch die Rüstungsinspektion III, Abt. Heer mitgeteilt, dass sie nur mit 50% der benötigten Rohlinge für die Feldhaubitzen-Granaten versorgt werden könnten. Arbeitskräfte sollten wenn möglich beurlaubt werden, man solle sich aber bemühen, Abwanderungen zu vermeiden.

Im Februar 1944 gab es aufgrund fehlender Reichsbahnwagen Probleme, die Rüstungsunternehmen mit der nötigen Kohle zu versorgen. Trotzdem wurden die von der Oderhütte angemeldeten (Sonder-)Bedarfe „in Anbetracht ihrer wehrwirtschaftlichen Notwendigkeit“ vom Rüstungskommando Frankfurt (Oder) befürwortet.

Das geforderte Soll konnte die Oderhütte oft nicht erreichen (siehe Tabelle), die Gründe waren unterschiedlich. Neben fehlendem Material lag es mal an fehlenden Arbeitskräften, an Werkzeugmaschinenumstellungen oder auch an der sehr unterschiedlichen Qualität der gelieferten Rohlinge. Im Mai 1944 produzierte man Granaten des Typs „le.F.H.Gr.38 Pg“, aufgrund der schwankenden Qualität entschied man sich, nur noch Rohlinge von zwei Lieferanten zu Verarbeiten. Des weiteren wird am 19.5.1944 bemerkt, die „Anlaufschwierigkeiten bei der „8 cm Wgr. 34“ seien überwunden“.

Produzierte Typen und Mengen

 10,5 cm Sprgr. 43DOVT 15 Spr.F.H.Gr. 38
Monat Soll Ist Soll Ist Soll Ist
März 1944 25.000 17.277 + 5.186* 2.000 1.150
April 1944 25.000 18.000 + 3.000* 2.000 1.900
Mai 1944 25.000 21.474
Juli 1944 20.000 20.138

* als Abwurfmunition

Zu diesem Thema empfehle ich auch meinen Artikel zur Kriegswirtschaft in Küstrin.

Produzierte Typen von Granaten

  • F.H.Gr. Stg. / F.H.Gr. Pr. (Feldhaubitzen-Granaten ?)
  • F.H.Gr. 38
  • le.F.H.Gr. 38 Pg
  • 8,8 cm-Sprenggranaten (Marine)
  • 8 cm Wgr. 34
  • 10,5 cm-Sprgr. 43
  • DOV T Spr.

Quellen:

  • Albert Gieseler / www.albert-gieseler.de
  • Eigene Recherchen
  • Deutscher Reichsanzeiger
  • Rüstungskommando Frankfurt Oder, Kriegstagebuch mit Anlagen, Band 1 und 2; Bundesarchiv, Signaturen RW 21-20/2 und RW 21-20/3
  • Rüstungskommando Frankfurt Oder, Kriegstagebuch, Band 1 bis 7; Bundesarchiv, Signaturen RW 21-20/4 bis RW 21-20/10