Küstrin - Die Stadt an Oder und Warthe
Die Geschichte der ehemaligen Festungs- und Garnisonstadt auf Cuestrin.de

Das Küstriner Kämmereivorwerk Hirnschädel


Das südwestlich von Küstrin-Kietz, in Richtung Neu Manschnow (in der Nähe der heutigen Erdölbohrstation) gelegene Küstriner Kämmereivorwerk „Hirnschädel“ wurde 1739 gegründet und umfasste (Stand 1817) 424 Morgen Bruchland und Wiesen sowie 32 Morgen Wiesen „im Vorland“. Woher das Vorwerk allerdings seinen Namen hat, ist nicht überliefert. Bis 1739 hatten die Wiesen "Großer und Kleiner Hirnschädel" zum Vorwerk Bleyen gehört, in diesem Jahr tauschte die Regierung diese Wiesen und die "Schilfwiesen", welche weit von Bleyen entfernt lagen, gegen den nahe bei Bleyen liegenden "Freihöpfel" und weitere Ländereien, die bis dato zur Küstriner rathäuslichen Nahrung gehört hatten, ein. Das Vorwerk Bleyen wurde 1740 damit zum Königlichen Domänenamt.

Die Ländereien des Vorwerks waren an verschiedene Landwirte - vorrangig aus der Langen Vorstadt - verpachtet (Erbpacht). Während des siebenjährigen Krieges wurde das Vorwerk von russischen Truppen geplündert und niedergebrannt. Einige Namen der Pächter sind aus dem Jahre 1765 überliefert: David Joseph, Michael Balck und Gottlieb Wallich (Schlächter). Die zum Vorwerk gehörenden Äcker und Wiesen hatten ebenfalls eigene Namen (Stand 1765):

  • der Entenfang
  • der Wolfs-Hirnschädel
  • der ehemalige königliche Hirnschädel
  • der königliche kleine Hirnschädel
  • die Vorstädter Caveln
  • die Kirchen-Wiese und
  • die neue [wo ?]lfhäußlich. [R?]öhrungen (Quelle ist unleserlich)

Das Vorwerk war von Ländereien umgeben, die zu Kietz bei Cüstrin und Neu Manschnow / Rathstock gehörten (siehe Plan weiter unten). Im Laufe der Zeit kam es besonders mit Rathstock immer wieder zu Grenzstreitigkeiten. Einer der Erbpacht-Verträge wurde im Jahre 1796 abgeschlossen.

Während der Belagerung des durch die Franzosen besetzten Küstrin wurden auch die Gehöfte auf dem Hirnschädel durch das Militär in Beschlag genommen.  Nach einem Schreiben des Amtes Bleyen vom 31. Dezember 1814 lebten von den Erbpächtern von 1796 zu dieser Zeit nur zwei. Die Pächter zu dieser Zeit waren:

1) Chr. Kientoff
2) Johann Gutschke
3) Ludwig Gutschke
4) Friedrich Gutschke
5) Gottfried Buchholtz
6) Schiffbaumeister Jaenikens Erben
7) Schiffer Fried. Schielensche Erben
8) Chr. Berbow
9) Martin Berlow
10) Friedrich Berkner
11) Wittwe Jacob
12) Wittwe Funke
13) Postillion Kayser
14) Postillion Geiseler
15) Gastwirth Kietzers Erben
16) Martin Guhren Erben
17) Wittwe Gottlieb Dühring
18) Schlächtermeister Sasse
19) [...] Rieps
20) Zimmermeister Oehlerts Erben

Alle lebten vor dem Brand von 1813 in der Langen Vorstadt. Sie waren vor der Besetzung der Stadt durch die Franzosen im Jahre 1806 wohlhabende Menschen, besonders wohl Christ. Kientoff, Johann Gutsche, Schiffbaumeister Jänickes Erben und Schlächtermeister Sasse. Das Schreiben des Amtes Bleyen führt für einige der Erpächter die wirtschaftlichen Verluste während der Besatzungszeit auf:

Die beiden erstgenannten verloren 1806 fast ihre gesamten Kühe und die ausgelegte Zollgelder. Schlächtermeister Sasse lebte direkt an der Straße und velor bei der Ankunft der Franzosen sein gesamtes Vieh und alle Vorräte. Beim Abbrennen der Langen Vorstadt verlor Schiffbaumeister Jänike seine gesamten Holzvorräte. Das Aufnehmen der Verluste der anderen Pächter gehörte nicht zum Auftrag des Verfassers des Schreibens. Er hatte sich also nur mit den Verlusten der wohlhabensten Pächter zu befassen. Scheinbar hatte er aber Mitleid mit einem - oben in der Liste nicht genannten Pächter - Heimke, der direkt auf dem Vorwerk lebte und seiner Meinung nach die größten Verluste zu beklagen hatte. Das Vorwerk lag innerhalb des Festungsrayons, sein Hof war komplett mit Militär belegt, die Familie hatte selbst kein Zimmer mehr zur Verfügung. Er konnte während der Blockade 1813/1814 seine Äcker nicht mehr bestellen, sein durch das Blockade-Corps belegter Hof und Haus war wohl nach Ende der Blockade komplett zerstört.

Nach dem Ende der französischen Besetzung machte die Stadt Küstrin von einem Vorkaufsrecht Gebrauch und kaufte das Vorwerk zurück. Ab Mai 1817 sollten die Ländereien nach einem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung wieder neu verpachtet werden. Für den 9. und 10. September 1817 wurde vor Ort eine Auktion angesetzt.

Plan des Kämmereivorwerks Hirnschädel (Küstrin) von 1837Plan der Kämmereivorwerks Hirnschädel von 1837, Norden ist auf diesem Plan rechts. (Quelle: Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam, Rep. 28A Deichverband Ober-Oderbruch Nr. 336)

Laut dem Plan gehören im Jahre 1837 die folgenden Personen zu den Pächtern: Gottlieb Wilhelm Zochert, Christ. Zochert (bis mind. 1845), ein Cüstriner Bürger namens Brandt und ein Herr Schindler. Weitere Quellen nennen 1836 einen Martin Grunske als Ackerbürger auf dem Vorwerk Hirnschädel, er hatte Angehörige in Sietzing. Im Jahre 1845 bot ein Lehngutsbesitzer namens Juhre aus Calenzig seinen Teil des Vorwerks zum Kauf an. Es hatte eine Größe von 80 Morgen und 58 Quadratruten und verfügte über Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Etwa ab 1845, bis zu seiner Auswanderung nach Amerika im Jahr 1866 gerhörte auch Friedrich Wilhelm Zochert zu den Pächtern des Vorwerks Hirnschädel. Am 2. Juni 1866 verließ er mit seiner Frau Marie und ihren 7 Kindern mit einem Schiff von Hamburg aus seine alte Heimat. Im Jahre 1856 wird die nicht erbverpachtete Fläche mit 315 Morgen und 177 Quadratruten beziffert, die Gesamtfläche betrug zu dieser Zeit 417 Morgen, es war also nur gut ein Viertel der Fläche zu dieser Zeit verpachtet.

1898 hatte das Vorwerk 41 Einwohner. Das Adressbuch der Stadt Küstrin von 1939/40 führt Hirnschädel unter der Adresse „Ausbau 13/15“, Küstrin-Kietz. Ob auch das Haus „Ausbau 12“ dazu gehörte, konnte noch nicht geklärt werden. Fakt ist, das das Vorwerk nach Kriegsende 1945 noch bewohnt war und auch bewirtschaftet wurde – wahrscheinlich bis zum Oderhochwasser 1947. Zeitzeugen berichten, das noch nach dem Krieg Frauen aus Küstrin-Kietz dort als Erntehelfer eingesetzt waren und jeden Tag den weiten Weg bis zum Vorwerk zu Fuß zurücklegen mussten.

Heute ist von diesem Vorwerk und dessen Bebauung kaum noch etwas zu erkennen.

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