Küstrin - Die Stadt an Oder und Warthe
Die Geschichte der ehemaligen Festungs- und Garnisonstadt auf Cuestrin.de

Die Entstehung der küstriner Schulen ab der Mitte des 16. Jahrhunderts

Schon im 16. Jahrhundert findet sich eine städtische Schule, mit einem Schulmeister und einem Schulgesellen. 1562 gab es eine Dritte, 1603 eine vierte Lehrerstelle. 1681 trat an Stelle des Umgangstisches ein Speisegeld. Zu den älteren Rektoren gehörte u.a.: M. Frz. von Hildetheim, 1572 bis 1574 (später Kurf. Leibmedicus). Unter M. Dav. Graffunder (1665/70) perorirten Schüler in hebräischer, syrischer und arabischer Sprache. [Unter Peroriren war so etwas wie eine Schulrede gemeint]

In der Mitte des 18. Jahrhundert unterrichteten 5 Lehrer in 2 Auditorien. Neben dieser Anstalt, der lutheranischen Raths- oder großen Stadtschule, erhob sich seit 1712 eine zweite lateinische Schule, die nach ihrem königlichen Gönner, Friedrich I, benannte reformierte Schule. Im Jahre 1704 wurde der reformierten Gemeinde das Grundstück Berliner Straße 12 geschenkt, dort baute sie ihre Schule. Das Haus wurde 1709 fertig gestellt. Die reformierte Friedrichschule wurde jedoch erst 1712 eröffnet. Sie hatte 3 Lehrer; der Unterricht geschah unentgeltlich. Der erste Rektor von 1711-1718, Fr. Mucelius (Friedrich Muzel), folgte einem Ruf an das Joachimsthaler Gymnasium als Professor; ebenso später der Conrektor Bernh. L. Beckmann (1718-1726), bekannt durch seine Schriften über die Kurmark.

1771: Die Raths- und Friedrichsschule

Wenige Tage vor der Schlacht bei Zorndorf zerstörte das Bombardement der Stadt beide Schulhäuser (15. Aug. 1758). Der von dem Ob.-Consist-Präsid. Minister v. Münchhausen angeregte Plan, die vorher getrennten beiden Schulen zu vereinigen, kam erst 1771 zur Ausführung, nachdem die Lehrer das auf der Stelle der Rathsschule von den Lutherischen und den Reformierten mit königlicher Unterstützung (für 9000 Thaler.) hergestellte neue Schulhaus schon 1769 bezogen und so lange privat unterrichtet hatten. Die Eröffnung der kombinierten Raths- und Friedrichsschule mit 6 Klassen erfolgte am 2. Oktober 1771.

Die Schulaufsicht ging auf einen Senatus scholasticus über, welcher aus ebensoviel lutherischen wie reformierten Mitgliedern bestehen sollte (Hofrescr. v. 7. Apr. 1771). An die Spitze der Anstalt trat J. Fr. Heydenhahn, 1771-1776 (vorher Rector der Rathsschule). 1775 hatte die Schule 162 Schüler von 4 1/2 bis 20 Jahren und 10 Currendaner. 1787 wurden die oberen Klassen zu Gelehrten (gymnasiale Oberstufe) eingerichtet, die unteren zur Bürgerschule. Rektor Jac. W. Bertuch (1788-1800) hat 33 Abiturienten zur Universität entlassen; sein Nachfolger, W. Maresch (1800-1816), im Jahr 1806 (Frequenz 207) 9 Abiturienten.

1810: Verlust der Oberstufe, Umwandlung zur höheren Bürger-(Real-)schule

1809 und 1810 war Dr. Friedrich August Gotthold Prorektor (darauf Direktor des Friedr.-Coll. zu Königsberg in Pr.). Durch den Krieg und die dürftige Dotation geriet die Anstalt in Verfall: 1806-1815 sechsmalige Dislocation. Als daher die Aussicht auf Rückverlegung der früheren Landesbebörden geschwunden war, ordnete (Verfügung vom 3. August 1809, 6. und 23. Juni 1810) die Sektion des offen Unterrichts die Umgestaltung der Gelehrtenschule zu einer Bürgerschule an. Letzte Matur.prfg war M. 1809. Trotz griechischenen Lektionen und bei dem Versuch, das Klassensystem mit dem Fachsystem zu verbinden, kein Emporkommen. 1820 nur 3 Lehrer, ein Hauptmann und ein Fähndrich zur Aushilfe.

Nach dem Antritt des Rekt. Dr. C. W. Holäufer (1835-1854, jetzt erster Lehrer der Schule) erfolgte die Reorganisation zu einer 4klassigen höheren Bürger-(Real-)Schule, die am 19. Dezember 1838 das Recht zu Entlassungsprüfungen nach der Instr. v. 8. März 1832 erwarb. Der folgende Rektor, Hrm. Wilski (1855-1859, vorher Rector der Realschule zu Halbersladt, jetzt Direktor des Waisenhauses zu Rummelsburg bei Berlin, schied die inzwischen auf 8 vermehrten Klassen in 6 Real- und 2 Vorher.-Klassen, so daß die Anstalt am 6. Oktober 1859 als Realschule zweiter O. anerkannt werden konnte.

Nachdem 1833 die lutherische und die reformierte Gemeinde der Union beigetreten waren, ist 1839 der Schulsenat mit der 1819 eingeführten zweiten Aufsichts-Instanz, der städtischen Schuldeputation, vereinigt worden, in welcher der 1. Geistliche der großen Stadt- (Pfarr-) und der 1. Geistliche der Schloß- (früher reform.) Kirche als Ephoren der Schule Sitz und Stimme haben (Statut vom 20. Aug. 1838 [16. Mai 1839]). O. 1839 bis O. 1863 hatte die Schule 178 Primaner, 380 Secundaner und 55 Abiturienten. Um zukünftigen Gymnasialschülern den Übertritt zu erleichtern, sind 1862 Privatkurse im Griechischen eingerichtet worden. Es gab Winter-Turnübungen in einer Kasematte. Außerordentliche Bewilligungen für Lehrmittel : 400 Thaler. Jetzt gab es 6 aufsteig. Real- und 2 Vorbereit.-Klassen.

Frequenz der Realklassen: 1817: 80, 1832: 85, 1836: 70, 1852: 132, 1858: 230, 1862: 234, 1863: 257 (245 evangelisch, 2 katholisch, 10 jüdisch; 8 Ausländer; II: 21, I: 10); Frequenz der Elem.-Klassen: 1863: 95. Etwa 1/2 sind auswärtige. Von den Schülern des Jahres 1862 waren in den Realklassen: 62 Söhne von Beamten, 39 S. von Kaufleuten, 27 S. von Landwirthen, 50 S. von Gewerbetreibenden, 56 S. von Handwerkern; in der Vorschule : 28 Söhne von Beamten, 13 S. von Kaufleuten, 10 S. von Landwirthen, 23 S. von Gewerbetreibenden, 43 S. von Handwerkern.

Der von dem Rektor Fr. Moritz (1828-1834) gegründeten Schüler-Lesebibliothek kommt die Stiftung eines früheren Schülers, des Geh. Raths Rackelmann, zu Hilfe (1858). Die Bibliothek für arme Schüler wird aus dem rotheschen Legat unterhalten. Es existierte die Knauert-Stiftung für Schülerprämien, zur Erinnerung an einen Lehrer (1842).

Vrgl. zur Geschichte der Schule die Progr. von Bertuch 1789 und von Kutschbach, von 1861. Ferner: Hering, Neue Beiträge zur Geschichte der evangelisch-reformierten Kirche in den preussisch-brandenburgischen Ländern. Berlin 1786. I p. 24 - 30

Direktor: P. Bartholdy, seit 1860 (vorher Collab. am Gymnasium zu Stettin). Außer ihm 10 Lehrer (5 ord., 2 techn., 3 Elem.-Lehrer). Etat 5267 Thaler:

EinnahmenThalerAusgabenThaler
Zinsen von Capitalien 132 Verwaltungskosten 132
Zuschuß aus Staatsfonds 939 Besoldungstitel (außer Emolumenten im Wert v. 388 Th.) 4759
Zuschuß aus dem mons pietatis 100    
Zuschuß der evg. Pfarrkirche 260
Zuschuß der reform. Schloßkirche 165
Zuschuß vom Hospital 33
Zuschuss von der Stadt 1019
Hebungen von den Schülern 2380
sonstige Einnahmen 299


Es gab Dienstwohnungen für 5 Lehrer, jedoch nicht für den Direktor und den Schuldiener. Sonstige Ausgabetitel 376 Thaler. Eigener Pensionsfonds (Oberpräsid.- Erlaß vom 8. September 1854). Den erforderlichen Zuschuß bringt die Stadt und der Fiskus, letzterer jedoch ohne Anerkennung einer rechtlichen Verpflichtung, je zur Hälfte auf, der Fiskus aus dem mons pietatis (C. 0. v. 23. Mai 1855, Verfügung vom 12. Juni 1855).

Patronat: städtisch, mit kirchlichem Compatronat. Nächste Aufsichtsinstanz bildet die Schuldeputation, in internis vertreten durch die beiden (geistlichen) Ephoren. Das Wahlrecht übt der Magistrat, unter Hinzutritt des Oberpfarrers der Stadt- (Pfarr-) Kirche, alternierend mit dem Hofprediger und dem Presbyterium der Schloßkirche; die Vocationen ertheilt der Magistrat unter Mitzeichnung des Oberpfarrers (Hofrescr. v. 1771; Recefs v. 1838-39 etc.). Confession: stiftungsmäßig und nach Dotationsbezügen evangelisch.

1865: Neu-Gründung des Gymnasiums

Nach einem Beschluß der Stadt wurde die Rats- und Friedrichschule im November 1865 in eine mittlere Bürgerschule (ab 1873 Knabel-Mittelschule) und ein Gymnasium umgewandelt. 1868 wurden Gustav Heinrich Becker (geb. am 24. September 1833 in Lübeck) und Friedrich Rudolf Hanow (geb. zu Sorau den 1. December 1836) Oberlehrer am Gymnasium. Hanow wurde 1869 dann auch Direktor.

1870 wurde das neue, dreistöckige Gebäude in der Schulstraße eingeweiht. 1890 wurde die Schule vom preußischen Staat übernommen und trug dann den Namen "Königliches Gymnasium zu Cüstrin"

Dieser Artikel wurden von mir bzgl. Rechtschreibung und Grammatik etwas angepasst sowie um eigene Recherchen ergänzt. Die Originalversion war durch die damals übliche Schreibweise und sehr viele Abkürzungen nur schwer lesbar. Einige - wenn auch aus heutiger Sicht merkwürdig anmutende - Formulierungen habe ich beibehalten.

Schülerlisten:

 

* nicht komplett
** nur Abiturienten oder Schulabgänger
*** wird gerade erfasst
**** noch nicht erfasst
***** nur Prüfungsteilnehmer

Quellen:

Das höhere Schulwesen in Preussen: Historisch-statistische Darstellung [...] von Von Ludwig Adolf Wiese, Bernhard Irmer, Prussia (Germany). Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung; 1864

Friedrich August Eckstein "Nomenclator Philologorum" (1871)

Schulschriften des Gymnasiums

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