Mitgliederzahlen
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Die Gründung der ersten Baptisten-Gemeinde geht auf das Jahr 1834 zurück. Am 23.04.1834 gründete der Kaufmann Johann Gerhard Oncken die erste Gemeinde Deutschlands in Hamburg. Am 14.05.1837 folgte die Gemeinde Berlin, von der aus der Osten Deutschlands missioniert wurde. Anfangs waren alle Gemeinden östlich davon Filialgemeinden Berlins.

Die Gemeinden waren in sogenannten Vereinigungen organisiert. Über viele Jahre wurden die Baptisten - so wie auch andere kleine christliche Religionsformen, in Preußen speziell von den evangelischen Pfarrern bzw. der Staatskirche unterdrückt. Sie waren maximal "geduldet". Anhänger dieser unterdrückten Glaubensrichtungen wurden in Kirchenbüchern oft auch als "Dissidenten" bezeichnet. Viele der Baptistengemeinden waren anfangs nur lose oder als Vereine organisiert, erst im Jahr 1930 erhielten alle Gemeinden in Deutsch­­land des Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts. Als Quelle für die nachfolgenden Angaben dienten hauptsächlich die „Statistiken des Bundes der Baptisten-Gemeinden in Deutschland und einigen umliegenden Ländern“ ab 1852.

Eine Versammlung in Küstrin wird bereits im Jahr 1856 aufgeführt. Der Versammlungsort befand sich ab dem Jahr 1886 bei Tischlermeister August Schultzendorff, Lange Vorstadt 87a in Küstrin III. In den 30 Jahren davor wird kein spezieller Versammlungsort erwähnt. Mitgliedszahlen der Versammlung liegen aus dem Zeitraum von 1856 bis 1939 vor, nur von 1878 bis 1887 sind keine Zahlen überliefert.

Am 19.05.1858 wurde dem Prediger Metzkow aus Wriezen, der auch die Station Küstrin betreute, durch den Küstriner Magistrat untersagt, an Sonn- und Feiertagen die Versammlungen der Baptisten zeitgleich mit den Gottesdiensten der Landeskirche abzuhalten. Dagegen legte Metzkow Einspruch ein und bezog sich auf ein Reskript der Königlichen Regierung, in dem sie in einem gleichen Fall in Königsberg (Ostpreußen) den Baptisten die zeitgleiche Durchführung ihrer Versamm­lungen gestattete. Der Magistrat lehnte den Einspruch am 16.11.1858 mit der Begründung ab, dass ihm dieses Schreiben der Königlichen Regierung nicht vorlag und verschärfte sein Verbot „im Namen der Königlichen Regierung“: Er drohte Metzkow mit einer Strafe nach § 105 des Strafgesetzbuches, falls er sich weiterhin Prediger nennen würde.

Metzkow beugte sich erst einmal der Entscheidung der Magistrats und ließ die etwa alle 4 Wochen in Küstrin stattfindenden Gottesdienste schon um 7 Uhr morgens beginnen. Am 18.10.1859 wandte er sich mit einem Antrag,  beide Verbote aufzuheben, an das Ministerium des Inneren in Frankfurt (Oder).  Am 08.12.1859 wurde dem Antrag statt gegeben und die Polizei-Verwaltung in Küstrin angewiesen, „[...] der Versammlung der Baptisten an Sonntagen keine Hindernisse ferner  in den Weg zu legen.“ und „[...] fernerhin keine polizeiliche Hindernisse in den Weg gelegt werden, wenn Sie sich selbst Prediger nennen wollen [...]“.

Bis zur Gründung der Gemeinde Frankfurt (Oder) am 21.05.1877 gehörte Küstrin als Predigtstation zur Berliner Gemeinde, von 1877 bis 1890 zur Gemeinde Frankfurt (Oder). Nach der Selbstauflösung der Gemeinde Frankfurt (Oder) am 26.10.1890 in Küstrin, wurde dort am gleichen Tag die eigenständige Gemeinde „Küstrin-Tschernow“ gegründet. Frankfurt als Gemeindeort hatte sich aufgrund der weit auseinander liegenden zugehörigen Orte („Stationen“) als problematisch erwiesen. Ziel war es, nach der Selbstauflösung zwei neue Gemeinden zu Gründen. Es blieb jedoch erst einmal nur bei der Gründung der Gemeinde Küstrin-Tschernow. Frankfurt (Oder) trat kurze Zeit später als Station der Gemeinde bei und verblieb dort bis Anfang 1905. Die Gemeinde Küstrin-Tschernow gehörte bis 1904 zur Preußischen Vereinigung, ab 1905 wurde sie der Pommerischen Vereinigung unterstellt.  Auf eigenen Wunsch löste sich die Gemeinde wieder von der Pommerischen Vereinigung und wurde ab 1907 Mitglied der Brandenburgischen Vereinigung.

Am 01.07.1887 veranstalteten die Baptisten ein Gesangsfest mit Predigt im Reichsgarten in der Altstadt. Dazu wurden der Gesangsverein und Prediger Matthes aus Berlin eingeladen. Das Fest wurde in drei lokalen Tageszeitungen beworben.Am Vorabend trafen um die 40 Personen auf dem Bahnhof Kietz ein.

Bereits vor 9 Uhr am Sonntag morgen brachen sie zum bereits gut gefüllten Reichsgarten auf. Um 11 Uhr endete die Vormittagsveranstaltung. Nachmittags um 16 Uhr wurde sie mit einem ähnlichen Programm – mit nur etwas mehr Gesang – wiederholt. Trotz der Hitze an diesem Tag war die zweite Veranstaltung noch besser besucht, als die Erste. Die Veranstalter schätzten das Publikum auf ungefähr 400 Personen. Der Großteil hielt wohl auch bis zum Ende um etwa 20 Uhr durch.

Im Jahr 1888 schlossen sich 41 Mitglieder aus Frankfurt kurzzeitig der  Küstriner Versammlung an. Die Mitgliederzahlen (siehe oben) enthalten bis 1890 nur die Stadt Küstrin, danach enthalten sie die gesamte Gemeinde Küstrin-Tschernow. Bis 1892 lebten die Prediger in Tschernow, danach in Küstrin, in der Langen Vorstadt 87a. Unter dieser Adresse hatte die Gemeinde bis 1894 ein möbliertes Zimmer gemietet. Prediger F. Pahlke war der erste Prediger der Gemeinde, der nicht mehr im Versammlungsort lebte, sondern sich extern eingemietet hatte. Er lebte im Haus Voigt in der Langen Vorstadt 103.  Im Jahr 1901 verfügte die Gemeinde über zwei Versammlungsorte: in der Ziegeleistraße 8 (gemieteter Saal) und der Drewitzer Straße Nr. 25. Am 22.07.1902 wurde ein ehemaliges Ladenlokal in der Kietzer Straße 134 bezogen. Der Prediger zog in die Kommandantenstraße 98 um. 1905 wurde der Versammlungsort in die Landsberger Straße 11 verlegt, dort wurde ein Saal angemietet. Am 03.09. des gleichen Jahres gründete die Ehefrau des damaligen Predigers Ziehl die Sonntagsschule.

Prediger

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Am 19.08.1906 wurde die Kirche namens „Eben-Ezer“ in der Kutzdorfer Str. 68 unter Anteilname städtischer Behörden, Handwerksmeister und des Bauherren durch Prediger Ziehl eingeweiht. Die davor genutzte Versammlungsstätte wurde in einem Artikel der Zeitung „Der Wahrheitszeuge“ vom 15.09.1906 als „für ein Gotteshaus zu dürftig und durch seine Umgebung zu schmutzig“ beschrieben, weiter heißt es: „Daher war es auch nicht leicht, die Bewohner des sauberen Küstrin-Neustadt in dieses Lokal zu bringen“. Die Kirche wurde unter Leitung eines "Bruder Spuhn" erbaut. Dabei handelt es sich um den Maurer- und Zimmermeister Carl Spuhn aus Friedrichshagen (Berlin).  Er war selbst Baptist und hatte in der Friedrichshagener Klutstraße ab 1892 und in der Köpenicker Bahnhofstraße ab 1899 die dortigen Baptistenkirchen erbaut.  Sein Bauunternehmen saß an der Ecke Am Goldmannpark / Bölschestraße. Das Haus steht noch und wurde in den letzten Jahren saniert. Auch das Firmenschild rechts neben dem Eingang des Hauses ist bis heute erhalten. Friedrich Wilhelm Carl Spuhn, so sein voller Name, wurde am 19.01.1852 als Sohn des Zimmergesellen Martin Gottlieb Johann Spuhn in Magdeburg geboren. Er heiratete am 19.07.1874 Auguste Friederike Wilhelmine Maus (04.03.1853 - 02.03.1929), auch sie gehörte den Baptisten an. Das Ehepaar hinterließ zwei Söhne. Carl Spuhn starb am 08.05.1931 an Magenkrebs. Die Familie Spuhn ist in einem heute noch erhaltenen Mausoleum auf dem Friedhof Berlin-Friedrichshagen beigesetzt.

Die Kirche selbst wird im oben genannten Artikel wir folgt beschrieben: „Die ganze Anlage ist hoch modern, architektonisch schön, dabei überaus praktisch und einfach, dazu billig – was will man mehr!“. Im Wohnhaus daneben sollte laut Artikel der Prediger seine Wohnung haben. Dies kann jedoch so nicht stimmen, da im Küstriner Adressbuch 1907/08 die Nachbargrundstücke Nummer 67 und 69 bis 73 noch leere Bauplätze waren. Am 21. Oktober gab der Gesangsverein „Bethel“ aus Berlin in Küstrin ein Konzert zugunsten der Finanzierung des Kirchenbaus. Die Reisekosten hatten die Musiker selbst bestritten. Die Plätze in der Kirche mit ihren Nebenräumen war schnell ausverkauft. Teils warteten die Gäste über 2 Stunden auf der Straße, um dem Konzert beiwohnen zu können.

Ab 1920 erhielt die Küstriner Baptistenkirche die Hausnummer 123 - dies sollte aber nicht die letzte Änderung sein. In den Statistiken des Jahres 1926 beginnt das Hausnummern-Chaos. Die Adresse des Predigers lautete noch Kutzdorfer Straße 123, die Kirche hatte die 124. Im Jahr darauf lebte der Prediger in der 124, die Kapelle hatte jedoch die Hausnummer 123. Ab dem Jahr 1928 werden beide in den Statistiken unter der Hausnummer 124 genannt - wie auch im Adressbuch der Stadt.

Ebenfalls im Jahr 1920 – genauer gesagt am 20.11.1920 wurden in einem Schreiben des Ministeriums des Innern (Berlin) an den Regierungspräsidenten in Frankfurt (Oder) der Baptistengemeinde in Küstrin das Korporationsrecht erteilt. Das bedeutete, das die Gemeinde, die bisher nur als Verein organisiert war, den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts bekam. Dieses Schreiben ist im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz erhalten geblieben und enthält auch das komplette Statut der Gemeinde. Die Gemeinde hatte es in 7facher(!) Ausführung beim Ministerium einzureichen.

Die Geschichte der Baptistengemeinde in Küstrin endet wie auch die Geschichte der meisten anderen Gemeinden mit der Evakuierung der Stadt 1945. Auch die Baptistenkirche in der Kutzdorfer Straße überstand den 2. Weltkrieg nicht. Heute weist am ehemaligen Standort nichts mehr auf diese Kirche hin.

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Heute vor 122 Jahren, am 15.12.1896:

Eröffnung einer Bahnstrecke


Eröffnung der Bahnstrecke nach Sonnenburg.