Über Grenz- und Meilensteine in der Provinz Brandenburg und Preußen wurde in der Vergangenheit schon viel publiziert. Über diesen Stein, auf den ich mittels einen Fotos aufmerksam wurde, das Anfang Februar 2026 auf einer Online-Auktionsplattform angeboten wurde, waren jedoch keinerlei Informationen in der einschlägigen Lektüre zu finden. Dieses Foto zeigt zwei Fahrradfahrer neben einem Grenzstein, im Hintergrund zwei Signale einer Bahnstrecke, datiert wurde es vom Verkäufer um 1925. Den 1920er Jahren als Ursprungszeitraum stimme ich zu.
Worum geht es aber genau? Es geht um einen Grenzstein...
- von dem ich Anfangs nicht einmal wusste, ob man ihn überhaupt als Grenzstein bezeichnet
- der - in diesem Fall - weder Gemeinden, Landkreise, noch Provinzen trennte
- der aus (meist) Granit bestand, handbemalt war und nur noch sehr selten erhalten ist
- der einen Wechsel von Zuständigkeiten anzeigte
Es geht um einen sogenannten Unterhaltungsgrenzstein!
Aufgestellt wurden diese Unterhaltungsgrenzsteine nach der Gründung des „Provinzial-Verband von Brandenburg“ im Jahre 1876. Mit dieser Gründung wurde den Verbänden auch die Verantwortung für die Staatsstraßen übertragen. Diese Steine zeigten Zuständigkeiten und dazugehörigen Straßenabschnitte auf den Meter genau an – also mit drei Stellen hinter dem Komma. Heute sind nun noch sehr wenige dieser Unterhaltungsgrenzsteine erhalten – oft auch nur ohne Inschriften.
Die Forschungsgruppe Meilensteine e.V. hat eine Liste von rund 40 (ehemaligen) Standorten solcher Unterhaltungsgrenzsteine zusammengestellt, zu wenigen findet man auch zusätzliche Informationen im Netz:
- Unterhaltungsgrenzstein in Dietersdorf (OT von Treuenbrietzen) an der B2 an der damaligen Grenze zur Provinz Sachsen
- Reuden, (OT der Stadt Zerbst) an der B246 (unrestauriert, Inschrift teilweise überliefert)
- Unterhaltungsgrenzstein in Keune (Forst/NL, 2022 restauriert)
Im heutigen Ostbrandenburg sind rund um Küstrin-Kietz bisher nur Standorte in den historischen Landkreisen Oberbarnim und Niederbarnim bekannt.
Oberbarnim:
- An der Kreuzung Altbarnim - Wilhelmsaue / Sietzing - Klein Neuendorf an der L 33.
(Heute Landkreis Märkisch-Oderland) - Biesenthal an der B2, zeigte den Übergang der Verantwortlichkeit von der Straßenmeisterei 13 in Eberswalde auf die Straßenmeisterei Biesenthal. Heute steht der Stein im Museum der Stadt Bernau.
Niederbarnim:
- Wandlitz, Standort am heutigen Kreisverkehr B 109 / L 29, die Beschriftung ist nicht mehr erhalten, Seite 26/27 im PDF. (Heute Landkreis Barnim)
In Friedrichsthal (OT von Gartz/Oder) steht noch einer dieser Unterhaltungsgrenzsteine neben dem Viertelmeilenstein am Chausseehaus an der B 2, dieser zeigte den Übergang der Verantwortlichkeit von der Straßenmeisterei 12 Angermünde auf die Provinz Pommern an. Dessen Beschriftung ist erhalten. Weitere 6 Standorte solcher Steine rund um Beeskow (Landkreis Oder-Spree) bekannt. Im heutigen Polen existieren noch Steine bei Cybinka (deutsch: Ziebigen) und Skwierzyna (deutsch: Schwerin/Warthe).
Der Unterhaltungsgrenzstein in Küstrin

Optisch sah der Unterhaltungsgrenzstein in Küstrin dem in Reuden (siehe Link weiter oben) ähnlich. Es handelte sich um einen viereckigen Naturstein mit schwarz-weißer Bemalung. Wie auf dem historischen Foto zu sehen ist, war oben ursprünglich einmal das Wappen des Provinzialverbands zu abgebildet. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war es aber schon nur noch fragmentarisch zu erkennen. Der Stein in Küstrin zeigte den Wechsel der Zuständigkeit zwischen der Straßenmeisterei 19 in Manschnow und der Stadtgemeinde Cüstrin an. Die Stadt war dabei aber nur für eine Strecke von rund 1,7 Kilometern zuständig.
Abb. 1: Illustration des historischen Unterhaltungsgrenzsteins in Küstrin © Andy Steinhauf
Straßenmeisterei 19 in Manschnow
Die Straßenmeisterei 19 in Manschnow war für einen rund 22 km umfassenden Straßenabschnitt auf der damaligen Reichsstraße 1 (R1) verantwortlich, der bei Kilometer 11,752 in Diedersdorf bei Seelow begann und im Küstriner Stadtgebiet endete. Über diese Straßenmeisterei sind so gut wie keine Informationen erhalten. Das Kreisarchiv in Seelow hat leider keine Unterlagen in seinem Bestand, das Brandenburgische Landeshauptarchiv in Potsdam nur eine einzige Akte: „Chausseehaus Manschnow in Station 29,4. Ausbau des Wohnhauses als Dienstgebäude der Straßenmeisterei Nr. 19 und Anbau einer Waschküche nebst Bachofen und Abort sowie Aufbau eines Drempels am Stallgebäude“
Laut dem historischen Messtischblatt Seelow (3453) befand sich der Startpunkt der Kilometrierung dieses Abschnitts der Reichsstraße 1 am heutigen Kreisverkehr (Seelower Straße / Frankfurter Chaussee) in Müncheberg.
Der Standort des Unterhaltungsgrenzsteins in Küstrin
Die erste spontane Vermutung, wo der Standort gewesen sein könnte – das war die B 1 zwischen Manschnow und Küstrin-Kietz – stelle sich schnell als falsch heraus, da es – wenn man von der Perspektive des Fotos ausgeht – an diesem Straßenabschnitt keine Stelle gibt, an der Straße und Bahnstrecke so dicht zusammen sind. Ein Blick auf das Messtischblatt Küstrin (3453) zeigte, dass sich zwischen den beiden Orten damals die Kilometersteine 30 und 31 befanden. Kilometer 31 befand sich an der heutigen Kreuzung Karl-Marx-Straße und Ausbau West in Küstrin-Kietz.
Abb. 2: Ausschnitt aus dem Messtischblatt "Küstrin", Nr. 3453, mit den Kilometersteinen 31 und 32 (rot markiert)
Was stand als zur Ermittlung des Standorts zur Verfügung?
Die Position der Kilometermarke 31 sowie die Position des Unterhaltungsgrenzsteines bei km 33,7 war bekannt. Da ich mit den mir als Laien zur Verfügung stehenden Mitteln sowieso nur den ungefähren Standort ermitteln konnte, habe ich mich auf eine Nachkommastelle bei der Kilometrierung beschränkt.
Nun kam Google Maps zum Einsatz, dort markierte ich die Position des Kilometersteins 31 als Startpunkt und den zu diesem Zeitpunkt nur vermuteten Standort als Endpunkt einer Route. Als Ergebnis stellt der Kartendienst eine Strecke von 2,7 Kilometern Länge innerhalb von Küstrin-Kietz dar. Rechnet man die 31-km-Marke hinzu, ergibt das den Endpunkt der Zuständigkeit der Straßenmeisterei in Manschnow bei Kilometer 33,7. Meine Vermutung war damit bestätigt.
Um sicher zu gehen, lies ich mir noch eine Route vom Nullpunkt der Kilometrierung in Müncheberg bis zum Standort in Küstrin-Kietz ausgeben, auch hier lautet die Entfernung 33,7 Kilometer. Der vermutete Standort des Küstriner Unterhaltungsgrenzsteins in der Rechtskurve vor der Odervorflutbrücke in Küstrin-Kietz war damit bestätigt.

Abb. 3: Standort des Unterhaltungsgrenzsteins in Küstrin auf dem Messtischblatt 3453. Am Standort ist hier ein Symbol für einen Wegweiser eingezeichnet (rot markiert)

Abb. 4: Der ehemalige Standort des Unterhaltungsgrenzsteins in Küstrin-Kietz befand sich am äußeren Scheitel der Kurve, Aufnahme 2026
Der Standort befand sich also auf bzw. neben dem zur Festung Küstrin gehörenden „Waffenplatz F“ (Schematische Ansicht). Dieser befand sich auf der „Festlandseite“ vor den beiden Oder-Vorflutbrücken. Gen Westen war dieser Platz durch einen im Halbkreis verlaufenden Wall begrenzt, durch eine Öffnung in diesem Fall verbanden zwei Gleise der Preußischen Ostbahn die Bahnhöfe Küstrin-Kietz und Küstrin-Altstadt. Zum Waffenplatz F gehörte auch noch ein sich zwischen den beiden Vorflutbrücken an den Damm schmiegendes Blockhaus. Am Standort des Unterhaltungsgrenzsteins ist auf dem Messtischblatt 3453 ein Symbol für einen Wegweiser eingezeichnet, ob dies aber mit dem Stein zu tun hat, ist momentan noch fraglich.
Auf den Meter genau lässt sich der Standort mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln aber nicht rekonstruieren. Auch vor Ort fehlen inzwischen Bezugspunkte, da sich die Kilometrierung in den letzten Jahrzehnten durch den Bau der Umgehungsstraßen bei Seelow und Küstrin-Kietz verändert hat. Der Straßenabschnitt auf den Abbildungen 4 und 6 gehört heute nicht mehr zur Bundesstraße 1, diese verläuft nun über die lange Brücke im Hintergrund.

Abb. 5: Historisches Foto des Unterhaltungsgrenzsteines in Küstrin - der "Stein des Anstoßes" für die Recherchen.

Abb. 6: Der ungefähre Standort des Unterhaltungsgrenzsteines im Jahre 2026
Da die Straßenmeisterei in Manschnow bis km 33,730 zuständig war und die Stadtgemeinde Küstrin erst ab km 33,885 stellt sich die Frage, wer denn für die rund 150 Meter dazwischen die Verantwortung trug. Zwischen diesen beiden Punkten lag die Odervorflutbrücke. In Preußen war für Flüsse, Wehre, Pumpstationen, Flussufer und eben auch Brücken die Preußische Wasserbauverwaltung zuständig.

Abb. 7: Detailfoto des historischen Unterhaltungsgrenzsteins in Küstrin
Die Zuständigkeit der Stadt Küstrin begann also erst auf dem Areal der heutigen „Oderinsel“ - dem westlichen Teil der Küstriner Altstadt – etwa beim Falkenhayn-Dankmal. Die Stadt war aber laut des Grenzsteines nur für eine Strecke von rund 1,7 Kilometern zuständig, das entspricht etwa der Strecke von der Detlefsenstraße aus durch das Berliner Tor der Altstadt, dann der Berliner und der Kurzem Dammstraße folgend zum Zorndorfer Tor der Festung Küstrin wieder hinaus (damaliger Verlauf der Reichsstraße 1). Im Bereich zwischen dem Zorndorfer Tor und der ersten Warthebrücke endete dann dieser Verantwortungsbereich. Dieser Verantwortungsbereich lag damit ausschließlich innerhalb des inneren Festungsrayons I der Festung Küstrin.
Eine offene Frage bleibt, weil das Militär ja bei allen Bauprojekten innerhalb dieses innersten Festungsrayons ein Mitspracherecht hatte: Wer war denn letztendlich für die Unterhaltung der Oderbrücke, die innerhalb dieses Festungsrayons lag, zuständig? Die Preußische Wasserbauverwaltung, das Militär oder die Stadt Küstrin?
Zum guten Schluss möchte ich den Herren Beitz und Grell von der Forschungsgruppe Meilensteine e.V. für Ihre Unterstützung und Bereitstellung von diversen Materialien danken. Die Daten dieses Unterhaltungsgrenzsteins in Küstrin habe ich der Forschungsgruppe Meilensteine e.V. für ihre Forschungen zur Verfügung gestellt.
Dieser Artikel basiert auf dem Vortrag, den ich beim Treffen der Ortschronisten in Seelow am 28.03.2026 gehalten habe.
Quellen:
- Historische Messtischblätter Küstrin (3453) und Seelow (3455)
- Preußische Meilensteine in der Region um Skwierzyna (Schwerin/Warthe), Olaf Grell, in: Das Meilenstein-Journal, Nr. 76 / Dezember 2018, Forschungsgruppe Meilensteine e.V.
- Grabsteinförmige Straßensteine in Beeskows Umkreis, ein Beitrag zur Datensammlung noch vorhandener Unterhaltungsgrenzsteine, Dr. Jens Heide, in: Das Meilenstein-Journal, Nr. 84 / Dezember 2022, Forschungsgruppe Meilensteine e.V.
- Broschüre "Chausseen-Alleen-Meilensteine-Chausseehäuser, Zeitzeugen der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Brandenburgs und Berlins", Kulturland Brandenburg, 2008
- weitere im Text als Links genannte Quellen