Küstrin - Die Stadt an Oder und Warthe

Die Geschichte der ehemaligen Festungs- und Garnisonstadt auf Cuestrin.de

Zellwolle und Zellulose AG

Blick auf die Zellulosefabrik von Bleyen ausBlick auf die Zellulosefabrik von Bleyen aus


Zellwolle und Zellulose AG
Steubenstraße
Küstrin-Neustadt

Gründung und Entwicklung:

Der "Beauftragte für Wirtschaftsfragen" der Reichsregierung entschied im Rahmen des damaligen Vierjahresplanes, eine Zellstofffabrik in Küstrin bauen zu lassen, die mit dem sogenannten Sulfatverfahren arbeitete. Dieses Verfahren war nicht neu, sondern wurde bis dahin hauptsächlich in skandinavischen Ländern eingesetzt. Es war wegen der Geruchs- und Staubbelastung sowie der Abwässer umstritten. Unter der Maßgabe, ein Produktionsverfahren zu verwenden, welches diese Probleme ausschließt, wurde der Bau in Küstrin genehmigt. Neben der Fabrik in Küstrin wurden im Rahmen dieses Vierjahresplanes auch die

  • Schlesische Zellwolle AG, Hirschberg
  • Rheinische Zellwolle AG, Siegburg
  • Kurmärkische Zellwolle- und Zellulose AG, Wittenberge
  • und die Rheinische Kunstseide AG, Krefeld

neu gegründet. Diese 5 Unternehmen sollten später die Prix AG bilden, dazu aber später mehr.

Die Zellwolle und Zellulose AG wurde am 23.06.1936 (eingetragen am 26.10.1936) als Zellstoff-Fabrik Küstrin AG zwecks "Errichtung und Betrieb einer Natron-Zellstoff-Fabrik und die Beteiligung an Unternehmen gleicher Art" gegründet. Zum Geschäftsfeld der AG gehörten die Herstellung und Verarbeitung von Zellulose und Kunstfasern. Das Haupterzeugnis war, meist aus Kiefernholz gewonnener Natronzellstoff. Der Kauf des Grundstückes für die Fabrik, inkl. Beurkundung und Zahlung efolgte im Januar 1937, im März des gleichen Jahres waren die Gebäude bereits im Bau. Das Geschäftsjahr entsprach dem Kalenderjahr, im ersten Geschäftsjahr zahlte die AG noch keine Dividende. Für jede Aktie erhielten die Aktionäre eine Stimme. Zu den Gründern, die sämtliche Aktien übernahmen, gehörten:

  • Natronzellstoff- und Papierfabriken; Berlin
  • Herzberger Papierfabrik L. Osthushenrich GmbH, Krebsöge
  • Saganer Papierfabrik GmbH, Sagan (Schlesien)
  • Niederrheinische Papier- und Pappenfabrik AG. Neuss
  • Papierfabrik Kappelrodeck, Richard Lenk, Kappelrodeck
  • Papierfabrik GmbH, vorm. Br. Kämmerer, Osnabrück
  • Ratinger Papierfarbrik, Wilderich Graf Spee, Ratingen im Rheinland
  • Firma Friedrich Haver, Tiergarten bei Ohla
  • Papierfabrik Westmark GmbH, Jülich
  • Siemens-Schuckertwerke AG, Berlin-Siemensstadt
  • Firma Richard Berger, Wolkenburg/Mulde
  • Papierfabrik Kirchberg AG, Kirchberg bei Jülich
  • Gißlers & Paß AG, Jülich
  • Wirtschaftsvereinigung Natronpapier und Papiersäcke GmbH, Berlin-Charlottenburg
  • Schleipen & Erkens AG, Koslar, Krs. Jülich
  • Konsul Franz Hagen, Lübeck

Der Vorstand:

Kaufmann Carl Pressler und Ing. Ernst Enderlein

Der Aufsichtsrat:

Vorsitzender Direktor: Rudolf Kämmerer, Osnabrück

Stellvetreter: Dr. Josef Freiherr Raitz von Frentz, Berlin-Dahlem

Mitglieder:

  • Dir. Heinrich Berg, Ratingen
  • Dir. Dipl.-Ing. Robert Deibel, Berlin- Siemensstadt
  • Dir. Adolf Ernst von Ernsthausen, Düsseldorf-Oberkassel
  • Präsident Hans Kehrl, Cottbus
  • Oberregierungs-Rat Dr. Gustav Adolf Kienitz, Leiter der chemisch-technologischen Abteilung des Preußischen Holzforschungs- instituts, Eberswalde
  • Dir. Eugen Lendhold, Krappitz (OS)
  • Fabrikbesitzer Willy Tamaschke, Sagan (Papierfabrik)
  • Dr. Bruno Töpfer, Regierungsrat, Berlin

Nach der Angliederung einer Fabrik zur Zellwolleherstellung wurde die Zellstoff-Fabrik Küstrin AG am 24.04.1939 in Zellwolle und Zellulose AG umbenannt und beschäftigte über 1000 Menschen. Darunter waren aber auch Zwangsarbeiter, u.a. männliche Häftlinge aus dem Zwangsarbeiterlager für Juden in Küstrin Neustadt. Beim Bau der Zellwolle-Fabrik profitierte die Firma von einem Erweiterungsprogramm des Reichswirtschaftsministeriums für die Zellwolle-Industrie, es wurden dabei auch viele Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge aus Hamburg-Neuengamme eingesetzt. Durch dieses Erweiterungsprogramm wollte die NS-Führung die deutsche Textilindustrie von Importen unabhängig machen und Baumwolle durch Zellwolle (auf Holzbasis) ersetzen. Ziel der Erweiterung des Küstriner Werkes war die tägliche Produktion von 60.000kg Kraftstoff für Papier, 60.000kg veredeltem Zellwolle-Zellstoff und 50.000kg PHRIX-Zellwolle.

Produktion & Kapazität:

Anfangs wurden mit 300 Mitarbeitern 7.000 Tonnen Zellstoff produziert. Bis 1941 wurde die Zellstoffproduktion auf 20.000 Tonnen pro Jahr erhöht, damit lag sie aber immer noch 1.900 Tonnen unter den avisierten Ziel (365 Tage x 60 Tonnen = 21.900 Tonnen). Anfang 1945 lag die Kapazität bei der Produktion von Papierzellulose in Küstrin bereits bei 50.000 Tonnen pro Jahr. Damit wurden in Küstrin 44% der gesamten jährlichen Kapazität (114.000 Tonnen) der Phrix AG produziert.

Auch eine Eiweiß- bzw. Nährhefe-Produktionslinie wurde in Küstrin gestartet, gut die Hälfte der Produktion ging an die Waffen-SS und die Wehrmacht, der Rest gelangte in den Wirtschaftskreislauf. Das Verfahren dazu wurde von der Phrix AG entwickelt: Man nutzte das Sulfidabwasser, um auf einem daraus gewonnenen Substrat Hefekulturen zu züchten.

zeichnung zellwollezellulose ag kuestrin 1939Zeichnung der zweiten Ausbaustufe des Küstriner Werks (Quelle: Zellstoff in Küstrin, in: Der Phrixer, Hausmitteilungen, Nr. 5, 1939, Phrix-Gesellschaft mbH, Hirschberg)

Gründung der Phrix AG:

Zusammen mit vier weiteren Zellulose-Fabriken schloss man sich zwecks, Zitat "[...] Planungen auf dem Gebiete der Zellulose- und Chemiefaser-Herstellung, für Inbetriebsetzung der zahlreichen Produktionsstätten, zwecks Durchführung gemeinsamer Forschungsarbeit und Patentbearbeitung sowie mit dem Ziel eines gemeinsamen Verkaufs [...]", zur "Zellwolle-Arbeitsgemeinschaft mbH" mit Sitz in Berlin zusammen. Diese Zellwolle-Arbeitsgemeinschaft wurde bereits 1938 in den Zellwolle-Ring und die Phrix-Arbeitsgemeinschaft aufgespalten. Die fünf an der Arbeitsgemeinschaft beteiligten Unternehmen (darunter die Fabrik in Küstrin) gründeten 1938 die Prix Gesellschaft mbH, an der die 5 Werke jeweils einen Anteil von 20% bzw. 500.000 RM hielten. Kontrolliert wurde die Prix-Gesellschaft aber durch die Schlesische Zellwolle AG, mit Sitz in Hirschberg (Riesengebirge). Phrix ist übrigens kein Phantasiename, sondern das altgriechische Wort für "gekräuselt".

Aus der Phrix-Gesellschaft mbH und der Phrix Arbeitsgemeinschaft mit ihren 5 teilnehmenden Werken wurde 1941 in Hamburg mit 50 Millionen Reichsmark die Dachgesellschaft "Phrix-Werke AG" gegründet. Die neue AG erwarb 96% der Phrix-Gesellschaft mbH, die restlichen 4% blieben im Besitz der 5 Werke. Die Küstriner Zellwolle und Zellulose AG wurde zu 70% von der Dachgesellschaft übernommen. Die Dachgesellschaft bestimmte die Produktion, lenkte den Absatz und setze die Preise fest.

Die Ausstattung des Küstriner Werks wurde 1945 durch die Rote Armee bis auf den letzten Lichtschalter demontiert und als Reparationsgut abtransportiert.

Ereignisse aus der Firmengeschichte

JahrEreignis
23.06.1936 Gegründet mit einem Kapital von 2.675.000 Mark in Namensaktien zu je 1000 RM
26.10.1936 Eingetragen als "Zellstoff-Fabrik Küstrin A.-G."
27.04.1937 Laut Hauptversammlung vom 27. April 1937 Erhöhung des Kapitals um RM 675.000,00
26.10.1938 Laut außerordentlicher Hauptversammlung vom 26. Oktober 1938 um RM 800.000,00 Kapitalerhöhung auf RM 3.475.000,00
24.04.1939 In der außerordentlichen Hauptversammlung vom 24. April 1939 wird die Änderung des Firmenwortlauts von "Zellstoff-Fabrik Küstrin A.-G." in "Zellwolle und Zellulose Aktiengesellschaft Küstrin" beschlossen. Das Kapital wird erhöht um RM 15.000.000,00 auf RM 18.475.000,00. Der Vorstand wird ermächtigt, das Kapital um bis zu Reichsmark 1.700.000,00 zu erhöhen (genehmigtes Kapital).
27.08.1940 Laut Hauptversammlung vom 27. August 1940 zur teilweisen Deckung des Verlustes Kapitalherabsetzung um RM 1.342.000,00 auf RM 17.133.000,00 (mit Rückwirkung auf den Jahresabschluß per 31. Dezember 1939) durch Einziehung der von Aktionären zur Verfügung gestellten Aktien.
27.11.1941 Laut Hauptversammlung vom 27. November 1941 wird der Vorstand ermächtigt, das Kapital um bis zu RM 3.000.000,00 unter Ausschluß des Bezugsrechtes der Aktionäre innerhalb der nächsten 5 Jahre zu erhöhen (genehmigtes Grundkapital).
27.01.1944 Letzte ordentliche Hauptversammlung
1945 Das Werk wird als Reparation demontiert

 

In der Nachkriegszeit:


In Polen:

Erst im Jahre 1958 wurde die Papierfabrik als Kostrzyńskie Zakłady Celulozowo-Papiernicze, also als Zellulose- und Papierfabrik, in Kostrzyn wiedereröffnet. Während meiner Kindheit in Küstrin-Kietz erkannte man nur an zwei Dingen die Fabrik am anderen Oderufer: An den beiden Schornsteinen und am Geruch, wenn der Wind aus einer ungünstigen Richtung blies. Im Jahre 1990 wurde das Unternehmen in eine sich ausschließlich in Staatsbesitz befindliche Aktiengesellschaft, die Kostrzyn Paper S.A., umgewandelt. 1993 wurden 20% der Anteile des Unternehmens an die Mitarbeiter und 80% an die Trebruk-Gruppe aus Schweden verkauft. Ein Jahr später wurde die Zellstoffproduktion eingestellt, man konzentrierte sich nun auf die Papierherstellung. Seit der Fusion der Trebruk S.A. mit der Firma Artic Paper im Jahre 2003 firmiert die Fabrik unter dem Namen "Arctic Paper Kostrzyn S.A.".

In Westdeutschland:

Im Jahre 1948 wurde die Phrix AG in Hamburg neu gegründet. Das Stammwerk in Hirschberg mit seiner großen Entwicklungs- und Forschungsabteilung, das Werk in Küstrin, mit Zitat "beachtlicher Zellstofferzeugung nach dem Hirschberger Verfahren", und auch das Werk in Wittenberge, welches auf die Produktion von Spezialfasern und "PHRIX JT" für die Jute-Industrie spezialisiert war, gingen durch den Krieg verloren. Die Phrix AG verlor damit ihre kompletten Kapazitäten (1945: 114.000 Tonnen pro Jahr) für die Herstellung von Zellstoff und 70% der Kapazitäten für Zellwolle. Im Jahre 1955 fusionierte die Phrix AG mit der Rheinischen Kunstseiden AG und der Chemiefaser AG. BASF kaufte die Aktiengesellschaft 1967 und wickelte sie nach schweren wirtschaftlichen Problemen ab 1974 ab.

Abbildungen und Belege:

Quellen:

 

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