... so könnte man das damalige Geschehen nennen, wenn man die Einschätzungen zeitgenössischer Tageszeitungen zugrunde legt. Zeitungen im ganzen Deutschen Reich berichteten über den "Millionenkonkurs in Küstrin" bzw. den "Küstriner Bankkrach". Bevor ich aber dazu komme, möchte ich mit einer kleinen Zusammenfassung des Bankwesens in Küstrin im 19. Jahrhundert beginnen. Neben der im Jahre 1836 gegründeten Stadtsparkasse existierten im 19. Jahrhundert nur wenige weitere Banken in der Stadt:

    1. Das um etwa 1856 gegründete Bankgeschäft von Salomon Fürstenheim, diese Bank wurde 1888 geschlossen. Salomon Fürstenheim war der erste Jude, der in Küstrin das Bürgerrecht erhielt, er betrieb seit 1815 eine Tuch-, Manufaktur- und Modewaren-Handlung am Marktplatz in der Altstadt.

    2. Eine Niederlassung der im Jahre 1865 in Luckau gegründeten "Niederlausitzer Kreditgesellschaft von Zapp & Co.". Die Niederlassung in Küstrin wurde 1870 eröffnet, die Muttergesellschaft und ihre Niederlassungen mussten aber schon 1876 Konkurs anmelden. Bis 1880 ist diese Niederlassung in Küstrin aber noch in Gewerbe-Adressbüchern verzeichnet.

    3. Die 1868 gegründete Genossenschaftsbank Vorschuß-Kassen-Verein zu Cüstrin e.G. (ab 1906: Vereinsbank zu Cüstrin, ab 1939: Volksbank Küstrin)

Zwei dieser drei Banken waren im Jahre 1888 bereits wieder geschlossen, nur noch die Küstriner Stadtsparkasse und den Vorschuß-Kassen-Verein existierten zu dieser Zeit noch - zu einer Zeit, in der die Stadt und ihre Wirtschaft stark wuchsen. Zwischenzeitlich wird in einem Gewerbeadressbuch im Jahre 1883 noch ein Bankgeschäft namens "Heinrich Bergmann" genannt, über das aber keine weiteren Informationen vorliegen. Um 1889 eröffnete schließlich die Reichsbank eine Filiale in der Stadt.

Vereinsbank CüstrinVereinsbank Cüstrin (ab 1868)
Reichsbank CüstrinReichsbank (ab 1889)
 
Werbeanzeige des Bankhauses Puppe, Küstrin von 1909Werbeanzeige der Bank von 1910

Das Bankhaus Gustav Puppe

Etwa 1890 betrat ein weiterer Akteur die Bühne des Bankenwesens in Küstrin: Gustav Puppe. Der Brauereibesitzer gründete am Firmensitz seiner Brauerei, der Kietzer Straße 166 in Küstrin-Altstadt, ein Bankgeschäft. Die diesem Artikel zugrundeliegenden Zeitungsartikel berichten vereinzelt auch von einem Gründungsjahr 1835. Dabei handelt es sich aber höchstwahrscheinlich um die Gründung der Brauerei bzw. Mineralwasserfabrik - unter diesem Stichwort ist die Firma in frühen Gewerbeadressbüchern des 19. Jahrhunderts verzeichnet. In späteren Ausgaben findet man sie nur noch als Brauerei.

Die Bank und ihr Inhaber erarbeiteten sich einen seriösen Ruf, zahlreiche Küstriner Einwohner, Offiziere, kleine Kaufleute, Handwerker und auch größere Unternehmen legten ihr Geld bei der Bank an. Gustav Puppe war ein angesehener Bürger der Stadt, war Stadtverordneter und bekleidete viele Ehrenämter. Die Insolvenz am 1. April 1913 kam für alle sehr überraschend:

Der damalige Konkursverwalter, der Küstriner Kaufmann Hermann Gottschalk, ging in einer ersten groben Schätzung kurz nach Beginn des Insolvenverfahrens von Verbindlichkeiten in Höhe von 1,5 Millionen Mark aus. Ich möchte etwas vorgreifen: Dies sollte bei Weitem nicht reichen. Alle paar Tage berichteten die Tageszeitungen von neuen Rekordschätzungen über die Höhe der Schulden. Wie kam es jedoch dazu?

Das Bankhaus hatte sich auf Bodenspekulationen in Berlin und in bzw. um Küstrin eingelassen. Um 1900 hatte sich die Bank an Berliner Bodengesellschaften beteiligt, welche wohl über die Jahre Millionen verschlangen, ohne einen großen Gewinn einzufahren.

Foto des Bankhauses Puppe, Kietzerstraße 166, Küstrin-AltstadtKietzer Straße 166, Sitz der Bank

Eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingetretene Krise auf dem Berliner Baumark und die daraus resultierende, durch die Deutsche Bank und die Reichsbank eingeschränkte Kreditvergabe an das Bankhaus Puppe, hatten in den Jahren vor der Insolvenz bereits für zeitweilige Zahlungsstockungen gesorgt. Dies hatte schon zu dieser Zeit Konkursgerüchte befeuert, Gustav Puppe trat dem Gerücht aber energisch entgegen und drohte den Urhebern mit rechtlichen Schritten. Neben den Bodenspekulationen hatte noch eine weitere Investition der Bank ihren Anteil an der späteren Insolvenz: Das Bankhaus Puppe hatte in der Nähe von Küstrin eine namentlich nicht genannte Sägemühle neu errichten lassen, die aber nie die Erwartungen erfüllte und jährlich Verluste einfuhr.

Am Samstag, den 29. März 1913 wurden der Bank durch die Reichsbank der Kredit gekündigt, dies war der erste Schritt hin zur Insolvenz. Später war auch bekannt geworden, dass die Bank in den letzten Monaten vor der Insolvenz sogar schon Kredite bei Berliner Banken aufnehmen musste, nur um die laufenden Kosten zu decken. Der Zusammenbruch der Bank wurde aber schließlich durch den 2. Bürgermeister der Stadt Küstrin, Dr. jur. Hermann Moritz, herbeigeführt. Gustav Puppe wollte (konnte ?) auch nach mehrmaliger Aufforderung die fällige Wertzuwachssteuer in Höhe von 5000 Mark an die Stadt nicht zahlen. Dr. Moritz erklärte vor der Stadtverordnetenversammlung, dass seiner Meinung nach der Zusammenbruch der Bank bevorstünde und riet, die Steuern schnellstmöglich einzutreiben. Gustav Puppe erwägte, eine Beleidigungsklage gegen den zweiten Bürgermeister einzureichen, tat das aber letztendlich nicht. Als der Bürgermeister - ebenfalls am 29. März - in der Bank erschien, wurde ihm mitgeteilt, dass die Bankiers Gustav Karl Puppe und sein Sohn Gustav Gottfried Rudolf abgereist seien, ohne ein Ziel oder den Zeitpunkt der Rückkehr anzugeben. Beide hatten wahrscheinlich seit 1895 zusammen die Bank geleitet.

Eine sofort veranlasste Kassenrevision ergab, dass Vater und Sohn 40.000 Mark entwendet und mit sich genommen hatten. Weiterhin ergab die Prüfung, dass durch die Bank verwaltete Depots im Wert von 1.000.000 Mark bereits an andere Banken verpfändet worden waren. Die Nachricht vom Konkurs verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Stadt und löste panikartige Zustände aus. Sparer stürmten die Kasse der Bank, und versuchten, ihre Ersparnisse zu retten. Da die Insolvenz Anfang April eintrat, wussten viele Sparer nicht, wie sie die fällige Miete für ihre Wohnung zahlen sollten. Unternehmen aus Küstrin und Umgebung konnten schlagartig ihren Zahlungverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Um die betroffenen Gewerbebetriebe der Stadt zu schützen, beschlossen der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung wenige Tage nach der Insolvenz der Bank, den betroffenen Betrieben ein Darlehen aus städtischen Mitteln zu gewähren und dafür eine kurzfristige Anleihe von 150.000 Mark aufzunehmen.

Die Ehefrau von Gustav Puppe junior, Charlotte Antonie Bertha Puppe, geb. Warnke, erhielt wenige Tage nach der Insolvenz aus Berlin einen Brief ihres Mannes, in dem stand, das beide - Vater und Sohn - beim Eintreffen des Briefes nicht mehr am Leben seien. Der Konkursverwalter verfügte wohl aber über Informationen, die ihn zu der Einschätzung kommen ließen, der Suizid sei nur vorgetäuscht. Etwa 1910 hatte sich Gustav Puppe senior bereits schon einmal nach Belgien abgesetzt, kehrte aber wieder nach Küstrin zurück. Daher vermutete man, die beiden wären nach Belgien oder in die Schweiz gegangen, um sich von dort aus weiter abzusetzen. Am 22. Juni 1914 reichte Charlotte Puppe vor dem Königlichen Landgericht in Landsberg (Warthe) die Scheidung ein.

Während einer Gläubigerversammlung am 29. April 1913 wurden genauere Zahlen bekanntgegeben: Die Bank verfügte über Aktiva in Höhe von 2.145.000 Mark und Passiva von 4.165.000 Mark. Die Schulden waren also fast doppelt so hoch, wie das Vermögen. Man rechnete mit einer Auszahlungsquote zwischen 41% und 60%. Die Gläubiger mussten also damit rechnen, rund die Hälfte ihres Geldes zu verlieren. Für die Ergreifung von Gustav Puppe senior wurde eine Belohnung von 3000 Mark ausgesetzt. Man muss das mal in Relationen setzen, um die damalige Bedeutung der Insolvenz zu verstehen: Die 4,165 Millionen Mark Schulden aus dem Jahre 1913 entsprächen 2026 rund 27,91 Millionen Euro!

Die Insolvenz zog sich über viele Jahre hin, am 6. Dezember 1920 beantragte der damalige Insolvenzverwalter, der Küstriner Kaufmann Emil Tolke (der Insolvenverwalter wurde während des Verfahrens mehrfach gewechselt), den verschollenen Bankier Gustav Karl Puppe, geboren am 29. Dezember 1848 in Küstrin, für tot erklären zu lassen. Vater und Sohn tauchten nie wieder auf. Am 6. August 1923 - also nach über 10 Jahren - wurde nur kurz und knapp durch das Küstriner Amtsgericht bekannt gegeben: "Konkurs Puppe, Küstrin, aufgehoben".

Nach der Insolvenz des Bankhauses Puppe erhofften sich weitere deutsche Banken wohl ein gutes Geschäft in der Stadt und gründeten dort Niederlassungen:

Siegelmarke Niederlausitzer Bank AG CüstrinNiederlausitzer Bank AG aus Cottbus (ab 1919)
Raiffeisen-Bankverein Küstrin-KietzRaiffeisen-Bankverein, e.G.m.u.H, Lange Vorstadt (ab 1925)

Mit der Eingemeindung des Dorfes Kietz bei Küstrin am 1. Oktober 1929 konnte man auch die im Jahre 1900 im Dorf gegründete "Spar- und Darlehenskasse e.G.m.u.H." zu den Küstriner Banken zählen. Diese Genossenschaft wurde 1934 mit dem Raiffeisen-Bankverein vereinigt.