Gründung und Aufbau

lagardesmuehlen siegelEtwa zum Jahreswechsel 1802/03 erwarb der Namenspatron des Ortes, François Théodore de Lagarde ein am Jungfernkanal (oder auch Klößing genannter Nebenarm der Warthe) zwischen der Kurzen Vorstadt und Warnick gelegenes Stück Land mit einer Fläche von 50 Morgen (rund 12,7 Hektar) vom Herren von Tamsel, dem Grafen Dönhoff. 20 Thaler hatte er pro Jahr als Erbpacht zu zahlen.

Lagarde wurde im Jahre 1756 in Königsberg/Ostpreußen als Sohn einer Hugenotten-Familie geboren und war voher in Berlin als Buchhändler (bis 1799) und Verleger tätig.

Er errichtete auf diesem Land seine Firma "Holzhandlungs-Comptoir zu Lagardesmühlen bei Cüstrin". Da ihm aber die verfügbaren Bretter und Balken für bestimmte Zwecke, wie den Schiffbau, zu kurz waren, ließ er anschließend zwei Wind-Schneide-Mühlen nach holländischer Bauart errichten. Im Oktober 1803 ging die erste Mühle in Betrieb, die Zweite folgte Anfang Februar 1804. Die beiden Mühlen wurden also in nicht einmal 12 Monaten errichtet.

Sie stellten die erste private Schneidemühle in Küstrin dar. Alle anderen Küstriner Schneidemühlen waren staatliche Betriebe. Um ihnen keine zu große Konkurrenz zu machen, musste Lagarde sein Holz von weit weg liegenden Forsten beziehen, unter anderem aus Süd- und Westpreußen.

Er war wohl ein geschickter Kaufmann, denn diesen Nachteil für seine Firma verkaufte er seinen Kunden als Vorteil, in einer Anzeige schrieb er 1804: "[...] und diese Hölzer aus Westpreußischen Forsten gezogen werden, wo niemals die Kiehnraupe gewesen, man also nicht zu befürchten hat, mit verdorbenem Holze bedient zu werden." Zu den Produkten der Firma zählten unter anderem:

  • Schiffs- und Bauhölzer
  • Bretter und Bohlen
  • Faß- und Tonnenstäbe
  • Masten
  • Mühlwellen

Neben den zwei Mühlen wurde ein Wohnhaus mit Scheune und Schuppen, eine Schmiede und drei kleinere Häuser errichtet. Während des Vierten Koalitionskrieges zwischen Preußen/Russland und Frankreich mit seinen Verbündeten in den Jahren 1806/07 brachen die Umsätze des Unternehmens ein und Lagarde geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Er schrieb in einem Brief vom 22.09.1809 an Johann George Scheffner, er habe vor dem Krieg noch jährlich 44 (Holz-)Häuser und Scheunen errichtet, im Sommer des Jahres 1809 waren es gerade noch 3 Gebäude - das Unternehmen war also auch ein Baubetrieb. Lagarde lebte in Berlin, die Schneidemühle bei Cüstrin wurde von seinem Sohn geleitet.

Lagarde bemühte sich um Unterstützung durch den Preußischen Staat und da er sich immer loyal gegenüber diesem gezeigt hatte - er war wohl u.a. auch als Dolmetscher gegenüber den Franzosen tätig - sagte man ihm diese Unterstützung zu. Am 5. November 1807 stimmte der preußische König dem Gesuch zu und erklärte seine Bereitschaft, Lagarde zu unterstützen. Im Jahre 1812 schreibt ein Staatsbeamter rückblickend dazu: "Ausser der acquisition des Mühlenetablissements, ist vorzüglich auch die Erhaltung der bürgerlichen Ehre u die Belohnung des La G: der von Sr. Majestät häufig ausgesprochene Zweck der getroffenen Maasregeln gewesen."

Nur über die Form der Unterstützung war man sich nicht einig. Lagarde schlug zum Beispiel vor, das Königliche Holzhandels-Comptoir ("Kontor") mit seinem Betrieb zu vereinen und als Privatunternehmen weiterzuführen. Am 1. April 1810 erkannte Friedrich Wilhelm, König von Preußen, in einer Kabinettsorder  "die Nützlichkeit den von denselben [Lagarde] bey Cüstrin angelegten HolzschneideWerks" an und autorisierte seinen Finanzminister, alles Nötige in die Wege zu leiten. Das "wie" stand aber immer noch nicht fest. Der preußische Staat hatte aufgrund des zurückliegenden Krieges und der französischen Besatzung kein Geld, das brauchte Lagarde aber dringend. Man einigte sich also, den Gläubigern erst einmal staatliche Garantien für ihr Geld und die Zinsen zu geben und dem neu zu gründenden Unternehmen "Begünstigungen einzuräumen". Das neue Unternehmen sollte dann die Hypothekenschulden des Betriebes von Lagarde übernehmen, Anteilseigner seines Betriebes sollten "Nutzholz-Aktien" erhalten.

Im Frühjahr 1810 besichtigte eine staatliche Kommission die Anlage in Lagardesmühlen, um sich einen Überblick über deren Wert und Leistungsfähigkeit zu verschaffen. Zu den Teilnehmern zählten ein Bausachverstädinger, Regierungsräte und ein Landbaumeister. Laut Lagarde waren die Teilnehmer sehr angetan und stuften den Betrieb in ihrem Gutachten höher ein, als es Lagarde vorher selbst getan hatte. Im Oktober 1811 stimmte der König dem Plan zu, den Betrieb in Lagardesmühlen mit den "Königlichen Nutz- und Brennholz-Instituten" zu vereinen. Drei Direktoren sollten diesem Bertrieb vorstehen, einer davon war Lagarde. Mitte November 1811 trat er seinen Direktorenposten an. François Théodore de Lagarde starb 1824.

Das abgebildete Wachssiegel stammt von einem Brief der Firma an das "Königlich Preußische Kirchen-Directorium" in Sonnenburg aus dem Jahre 1814. Laut Wilhelm Fitzky gehörten die Mühlen nach Lagarde einem namentlich nicht genanntem Berliner Holzhändler.

Unter Familie Falckenberg

Im Jahre 1843 übernahm Georg Friedrich Falckenberg den Betrieb in Lagardesmühlen und führte ihn etwa 27 Jahre. Er übergab seine Firma "G.F. Falckenberg" zum 23. Juni 1870 an seine beiden Söhne Albert Friedrich und Paul Georg Falckenberg, beide waren Kaufleute. Sie führten den Betrieb unter dem Namen "G.F. Falckenberg Söhne" weiter. Der Küstriner Kaufmann Gustav Hartwich wurde Ende Juli 1870 zum Prokuristen der Firma bestellt.

Brief an G.F. Falckenberg Söhne in Lagardesmühlen 1874

Brief an die "Handlung G. F. Falkenberg Söhne" in Lagardesmühlen von 1874

Die beiden Inhaber ließen eine Dampfmaschine "Edison No. 2" aufstellen und die veralteten und nun nicht mehr benötigten Windmühlen abbauen. Der Betrieb war nun eine "Dampfschneidemühle". Albert Falckenberg war 1875 Schiedsmann im südlichen Amtsbezirk des Kreises Königsberg/Neumark des Königlich Preußischen Appellationsgerichts Frankfurt (Oder).

Am 04. Juli 1879 wurde Günther Falckenberg als Sohn von Albert Friedrich Falckenberg und seiner Frau Marie (geb. Vockeroth) geboren. Ob seine Mutter mit den Inhabern der Firma "Grosse & Vockeroth" verwandt war, ließ sich leider noch nicht ermitteln. Günther Falckenberg war ein deutscher Physiker und leitete ab dem Jahr 1946 den Landeswetterdienst in Mecklenburg-Vorpommern. Mehr über ihn findet man in der Wikipedia.

Firmenbrief von 1923

Brief der Firma Falckenberg an die Landfeuersozietät der Provinz Brandenburg in Königsberg/Neumark
von 1923, aus der Inflationszeit. Mit 75.000 RM Porto frankiert.

Küstrin 1943 108 8

Werbeanzeige von 1943

Im Jahre 1888 erbten die beiden Brüder Max Friedrich und Wilhelm Otto Falckenberg (geb. am 01.08.1862) die Mühle und betrieben sie zusammen mit Theodor Wilhelm Falckenberg, sie trug nun auch dessen Namen "Th. W. Falckenberg", das verwandtschaftliche Verhältnis zwischen den beiden Brüdern und Theodor Wilhelm Falckenberg ist aber unklar. Sie kauften die Marienmühle in der Küstriner Uferstraße 5 (Kurze Vorstadt, später Neustadt) hinzu und eröffneten in Lagardesmühlen eine Kalksandstein-Fabrik. Um 1900 erhielt die Firma einen eigenen Gleisanschluß. Die Marienmühle wurde zur Zeit des ersten Weltkriegs abgerissen und ein Teil des Grundstücks an das Baugeschäft von Adolf Kube verkauft. Die veraltete Dampfmaschine wurde dem Märkischen Museum in Berlin geschenkt.

Wilhem Falckenberg war Mitglied der Küstriner Freimaurerloge "Sanct Johannis-Freimaurer-Loge Friedrich Wilhelm zum goldenen Scepter", er starb am 30.06.1925 im Alter von 63 Jahren. Max Falckenberg war um 1908 auch Rittmeister der Landwehr-Kavallerie, er starb 1939.

Scan 0293
Todesanzeige Wilhelm Falckenberg 1925
 

Der letzte Besitzer der Firma war Werner Falckenberg, ein Sohn von Max Falckenberg. Er wurde am 29. Dezember 1890 geboren und besuchte 11 Jahre lang das Gymnasium in Küstrin. Dort legte er im Schuljahr 1910/11 sein Abitur ab und plante, Rechtswissenschaften zu studieren. Im Jahre 1945 meldete sich Werner Falckenberg freiwillig für die Kämpfe um Küstrin und diente beim Volkssturm. Schwer verwundet geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und starb in Landsberg/Warthe.

Zur Entwicklung des Ortes Lagardesmühlen

Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Standort zu einem Gutsbezirk. Anfangs war der Ort auch unter den Namen "Warnicker Schneidemühlen", "Cüstriner Schneidemühlen" oder auch in abweichender Schreibweise als "Lagardes Mühlen" oder "La Gardes Mühlen" bekannt. Ein selbständiger Gutsbezirk mit eigenem Standesamt blieb Lagardesmühlen bis zum 29.09.1928. Bis zu diesem Datum gehörte der Ort zum Amtsbezirk Bleyen im Kreis Königsberg/Neumark und kirchlich zur Marienkirche in der Küstriner Altstadt, danach gehörte der Wohnplatz zu Warnick im Kreis Landsberg/Warthe und war auch zu Warnick eingepfarrt. Während der NS-Zeit wurde in Lagardesmühlen ein "Heimat Festungs-Pionierpark Küstrin" (siehe Foto) errichtet. Ein Luftbild zeigt den kleinen Park neben der Holzhandlung. Heute trägt der Ort den Namen "Kostrzyn Kłośnica".

Pionierpark Lagardesmuehlen

Eingang zum Heimat Festungs-Pionierpark Küstrin (Foto: Siegfried Neubauer)

Einwohnerzahlen von Lagardesmühlen:

Jahr Einwohner
1848 78
1852 77
1864 87
1866 80
1867 65
1871 55
1895 93
1910 103
1925 80
 

Quellen:

  • Journal für Fabrik, Manufaktur und Handlung, Band 87, 1804
  • Staats- und gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten, 1804
  • Leipziger Handwörterbuch der Handlungs- Comptoir- und Waarenkunde, 1819
  • Amtsblatt der Regierung zu Frankfurt a.d. Oder: 1835, Verzeichnis der Ortschaften des südlichen Verwaltungs-Bezirks des Königsbergischen Kreises, 1835
  • Der Regierungsbezirk Frankfurt an der Oder der preuß. Provinz Brandenburg geographisch, statistisch und topographisch dargestellt, Dr. Eugen Huhn, 1848
  • Landbuch der Mark Brandenburg und des Markgrafthums Niederlausitz in der Mitte des 19. Jahrhunderts [...], Dr. Heinrich Berghaus, 1856
  • Topographische Übersicht des Appellationsgerichts-Departements Frankfurt a/O., Frankfurt a/O., Verlag Gustav Harnecker & Co., 1856
  • Berlin und die Mark Brandenburg mit dem Markgraftum Nieder-Lausitz in ihrer Geschichte und in ihrem gegenwärtigen Bestande, Berlin, 1861
  • Topographisch-statistisches Handbuch des Regierungs-Bezirks Frankfurt a.O., Frankfurt a.O., 1861
  • Deutschlands Handel und Industrie: Band. Brandenburg, Schlesien, Ostpreussen, Berlin, 1867
  • Königlicher Preußischer Staats-Anzeiger, Nr. 176, Berlin, 25. Juli 1870
  • Die Gemeinden und Gutsbezirke des Preußischen Staates und ihre Bevölkerung, Nach den Urmaterialien der allgemeinen Volkszählung vom 1. Dxzember 1871 [...], Berlin, 1873
  • Amtsblatt der Regierung zu Frankfurt a.d. Oder; 1876
  • Der Deutsche Herold, Band 39, 1908
  • Briefe an und von Johann George Scheffner / Hrsg. von Arthur Warda, Bd. L-M, München ; Leipzig : Duncker & Humblot, 1926
  • Küstrins holzverarbeitende Industrie, Wilhelm Fitzky, Königsberger Kreiskalender 1971
  • Verschiedene Adressbücher der Stadt Küstrin
  • Abbildungen: Archiv Andy Steinhauf (sofern nicht anders angegeben)
  • http://www.personendaten.org/index.php?cat=8&filter=filter&pdrId=pdrPo.001.007.000000664
  • http://genwiki.genealogy.net/Lagardesm%C3%BChlen
  • http://gov.genealogy.net/item/show/object_1048078

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