Küstrin - Die Stadt an Oder und Warthe
Die Geschichte der ehemaligen Festungs- und Garnisonstadt auf Cuestrin.de

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Neumärkische Zeitung
110. Jahrgang Ausgabe vom 1. Juni 1930
500 Jahre Küstriner Schützengilde
Aug und Hand fürs Vaterland

5 Jahrhunderte! Ein gewaltiger Zeitraum ist es, auf den die Küstriner privilegierte Gilde zurückblicken kann. Über die noch deutlich vor uns stehenden Ereignisse der letzten Jahrzehnte und des vergangenen Jahrhunderts hinwegreichend zu den Zeiten des großen Preußenkönigs, zu den nur noch dunkel leuchtenden wirren des 30jährigen Krieges, zum Markgrafen Hans, dem Vater der Festung, ja selbst zu den Sagen umwobenen ersten Hohenzollern in der Mark. Und was bedeutet diese Zeitspanne nicht alles für Küstrin: Gewährung der Stadtrechte, Ausbau zur Festung, von Feinden gefürchtet, belagert, beschossen und auch besetzt, zum Waffenplatz ausgebaut, die Sturmerprobten Wälle wieder gesprengt.

Von diesen wechselvollen Schicksal der Festung hat auch die Schützengilde manches zu spüren bekommen: viel urkundliches Material ist vernichtet worden, die kostbaren Königsketten in kriegerischen Zeiten mehrmals in Gefahr gewesen. So ist es kein Wunder, daß sichere Nachrichten über die Geschichte der Küstriner Schützengilde in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens nur recht spärlich vorhanden sind. Aber der Umstand, daß im 15. Jahrhundert die Bürger die Städte mit zu verteidigen hatten und auf Anordnung der Landesfürsten in bestimmter Zahl zum Schutz erscheinen mußten - die Waffen wurden gewöhnlich vom Magistrat aufbewahrt - spricht dafür, daß auch in dem so wichtigen Anfang des 16. Jahrhunderts außer dem noch befestigten Übergangsplatz Küstrin eine Vereinigung bestanden hat, deren Mitglieder sich im Gebrauch der Waffen übten. Annähernd 300 Jahre reichen ferner die an der kostbaren goldenen Königskette befindlichen Denkmünzen zurück, die die jeweiligen Würdenträger zu stiften hatten. Einer ganz besonderen Förderung hatten sich die Schützengilden seitens der brandenburgischen Herrscher zu erfreuen. So verfügte z.B. Kurfürst Johann Georg: "Damit jeder desto mehr Lust hätte, sich im Schießen zu üben und in vorfallender Gelegenheit sich zur Wehr und Ernst gebrauchen zu lassen, sollen den besten Schützen besondere Vergünstigungen eingeräumt werden. Wer solchen Schießen nach der Scheibe das Beste tue und den besten Gewinnst heimbringt, soll im selben Jahre aller Schöffe und Steuer frei sein, jedoch soll dies nicht an der Herrschaft Summe gekürzt, sondern von dem Überschuß, den der Rat behält, abgezogen werden; er soll auch in diesem Jahre von der alten Bierziese frei sein."

Im Jahre 1690 forderte der Rat der Stadt zum Eintritt in die Gilde auf, "weil Se. Kurf. Durchlaucht lauter beschossene Leute bei der Festung haben wollen."

Die steuerlichen Vergünstigungen des Schützenkönigs wurden in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Geldpreise umgewandelt. So wird z.B. berichtet: "Se. Majestät, unser allergnädigster Herr, haben der hiesigen Schützengesellschaft ein jährlich Prämium angedeihen lassen und zwar aus der Kgl. Accisekasse 20 Taler und aus E.E. Rats- Kämmerei aber 22 Taler, 16 Groschen."

Noch im Anfang dieses Jahrhunderts erhielt der erste Würdenträger 122 Mark ausgezahlt. Dafür war er verpflichtet, eine goldene Denkmünze für die Königskette zu stiften. In kriegerischen Zeiten berichtet ein Schreiben aus dem Jahre 1792: "Da wir uns auch bei Kriegszeiten - wofür doch Gott in Gnaden bewahren wolle - auf dem Wall einfinden und die Dienste der Scharfschützen verrichten müssen, welches durch unsere Vorfahren im 7jährigen Kriege bei verschiedenen Gelegenheiten hat geschehen müssen, zu welchen wir uns im nötigen Fall ebenso willig und getreu erzeigen werden, unser Leben zum Dienst und Besten des Vaterlandes bereitwilligst aufzuopfern."

Abenteuerliche Sicherstellung der Königskette.

Zweimal - 1758 und 1806 - wäre die Königskette beinahe in die Hände unsauberer Elemente bzw. in die Hände der Feinde gefallen. Als nach der Beschießung Küstrins 1758 in der Stadt eine allgemeine Plünderung einsetzte, an der sich leider auch die Besatzung beteiligte, wurde die Kette durch einen Schützenbruder gerettet, der sie auf bloßem Leibe von der Brandstätte trug. Und als 1806 die Stadt in den Händen der Franzosen war, verwahrte sie der Schneidermeister Buchholz - ein Nachkomme von ihm ist langjähriges Mitglied der Gilde - bis für Küstrin wieder die Befreiungsstunde schlug.

Gedenktafeln und Bilder halten die große Zahl der Würdenträger auch für die kommenden Geschlechter fest. Und wenn der König am Schluß des Pfingstschießens die Zeichen seiner Würde in Empfang nimmt, wird ihm auch ein goldener Halsschmuck überreicht, der an den damaligen Prinzen Wilhelm erinnert, der 1824 die Würde des Königs bekleidet hat.

Der Schützenschmaus, ohne den seit alten Zeiten ein richtiges Schützenfest nicht denkbar ist, ist in der ersten Zeit im Rathaussaale, später in den eigenen Räumen der Gilde - Jahrhunderte hindurch in dem alten Schützenhause in der Nähe des Bahnhofs - gefeiert worden. Nur in dem Teurungsjahr 1847 und während des Weltkrieges hat man davon abgesehen.

Schützenneubauten haben die Gilde mehrmals in den vergangenen Jahrhunderten beschäftigt und manche Sorge verursacht, wenn auch die finanzielle Seite viel leichter zu lösen war, als bei dem letzten in der Nachkriegszeit entstandenen Neubau im Stadtwald. So berichten z.B. die Ratsprotokolle aus dem Jahre 1706: "Der Direktor der Gilde erklärt dem Rat, daß das Haus nach dem Se. Kgl. Majestät zugesandten und approbierten Abriß neu erbaut und dazu bestimmtes Geld aufgenommen werden solle; man wolle dafür die Kette versetzen. Der Rat will das Geld daraufhin geben, damit die Kette nicht in fremde Hände komme, wenn jährlich 25 Taler abgezahlt würden."

Vorüber sind die Zeiten, wo die Schützenfeste noch von einem romantischen Zauber umwoben waren. Erst ungefähr vier Jahrzehnte ist es her, da zogen Major und Adjutant noch hoch zu Roß, die Direktoren in geschmackvoller Tracht, hinaus, zu üben "Aug' und Hand fürs Vaterland." Aber wenn auch manchmal von den poesievollen Reizen verloren gegangen ist, gleich geblieben - ja, seit der Einweihung des neuen Schützenheims im Stadtwald noch gewachsen - ist das Interesse, das die Bürgerschaft den Veranstaltungen der Gilde entgegenbringt.

Anm.: Das Foto ist nicht Teil des Originalartikels. Quelle des Bildes: Holdings of the University of Zielona Gora Library

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